8. Oktober 2007 – heute: Tabakverwirrung

Es gibt Dinge im Alltagsleben, die sich ständig wiederholen. Gut, kann man sagen, Zähneputzen, Müll rausbringen, Haare waschen. Aber auch zwischenmenschlich passiert einiges immer und immer wieder. Dass zum Beispiel auf „Wie geht’s?“ in 99% der Fälle mit „gut“ geantwortet wird. Aber auch das, was mir in der Mittagspause passiert, geschieht häufiger:Einer meiner Kollegen fragt mich: „Hast du mal ne Zigarette für mich?“ – „Nein, tut mir leid, ich rauche nicht.“ Auf der Arbeit passiert das, an der Bahnstation, der Bettler vorm Supermarkt fragt mich das, Bekannte fragen auf Parties.

Meist ist das schnell abgehandelt, mit einem kurzen „Nein“ erledigt sich das weitere Gespräch. Mit einem „Ja“ und der Übergabe einer Zigarette ebenso schnell.
Doch nicht jeder lässt sich so schnell abwimmeln. Während ich mit meinem Freund Sebastian am Bahnsteig auf unseren Zug warte, kommt es zu dieser seltsamen Begegnung:

Ein gepflegter und ordentlich gekleideter Mann mittleren Alters kommt auf uns zu und spricht uns an: „Entschuldigen Sie, ist einer von Ihnen Raucher?“ Die Frage entspricht nicht dem üblichen nach-einer-Zigarette-fragen-Schema, deshalb bin ich kurzfristig verwirrt. „Wieso?“, antworte ich. Er schaut mich entgeistert an.
„Geben Sie mir eine Zigarette aus?“ Ah. Jetzt verstehe ich. „Nein, tut mir leid, ich rauche nicht“, antworte ich. Er schaut Sebastian an: „Und Sie?“

Sebastian schaut verwundert, holt aber seine Zigarettenpackung aus der Hosentasche, öffnet sie und stellt fest, dass nur noch eine Zigarette darin verblieben ist. So schaut er den Mann an und sagt ihm: „ Es tut mir leid, das ist meine letzte, die würde ich gerne behalten.“
Ich erwarte eigentlich, dass er sich bedankt, sich umdreht und geht. Aber stattdessen fragt er: „ Aber wenn es nicht die letzte gewesen wäre, hätten Sie es gemacht?“

Jetzt schaut nicht mehr nur Sebastian verwundert. Was soll denn das, bitte? Genervt antwortet Sebastian: „Wahrscheinlich.“ Der Mann setzt ein seltsam entrücktes Grinsen auf, sagt „na dann“ und geht ein paar Meter weiter zu einem Wartehäuschen.
Ein paar Minuten vergehen und durch das Wartehäuschen aus Glas ist zu erkennen, dass er seltsame Verrenkungen macht. Etwas später kehrt er zu uns zurück, in der Hand eine selbstgedrehte Zigarette. Offensichtlich kamen die Verrenkungen vom Zigaretten drehen. „Haben Sie denn wenigstens Feuer?“, fragt er.
Sein „wenigstens“ hört sich an, als hätten wir einem Hungernden das kleinste Stückchen Brot weggenommen, um es in unsere vollen Einkaufstüten zu stecken. Sebastian entgegnet „natürlich“ auf den impliziten Vorwurf und gibt ihm Feuer, so dass der Mann sich seine Selbstgedrehte anzünden kann. Dieser zieht einmal an der Zigarette, lächelt selbstzufrieden und sagt dann triumphierend: „Na bitte, geht doch!“

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