7. Januar 2008 - heute: Heiratsmarkt im Bus
Wenn ich in der Straßenbahn sitze und es um mich herum laut lärmt, weil der junge Mann am Fenster mit seinem Handy laut Musik hört oder der elegant gekleidete Mann laut Firmengeheimnisse dem Straßenbahnabteil anvertraut, dann fragte ich mich oft, warum niemand für Ruhe sorgt. Es wäre doch so einfach… Mittlerweile weiß ich es besser.
„Wäre es möglich, dass Sie etwas leiser telefonieren könnten?“, fragt sie den Mann höflich. Er schaut sie irritiert an, stockt kurz und redet dann ohne Punkt und Komma in unveränderter Lautstärke weiter. Unverdrossen wagt sie noch einen Versuch: „Könnten Sie vielleicht was leiser reden?“ Jetzt hat er sie verstanden. „Leiser?“ Sie nickt. „Aaaah, alles klar. Keine Problem.“ Noch ein Schwall unverständlicher Worte, dann legt er auf. Er rutscht auf dem Stuhl herum, so dass er näher zu der Frau sitzt und ihr ins Gesicht schauen kann. „Wissen Sie, ich bin aus Kosovo. Ich bin nach Deutschland gekommen, vor Wochen.“ Nun ist zwar die Telefonruhe eingetreten, doch der Gesichtsausdruck der Frau spricht Bände. Ein Gespräch mit ihm scheint sie nicht seinem Telefongespräch vorzuziehen. Aber ihn stört das nicht, unbeirrt spricht er weiter: „Ich bin in Deutschland um Frau zu finden. Suche deutsche Frau zum heiraten. Junge deutsche Frau, auch hubsche. So wie sie. Soll auch arbeiten!“
Die Frau scheint nicht zu wissen, wie ihr geschieht. Es reicht nicht einmal für ein „aha“, stattdessen schaut sie ihn ungläubig an. „Haben Sie denn Ehemann? Oder wollen Sie noch heiraten?“ Sie schluckt, antwortet: „Ich bin verheiratet.“ Das tut seinem Eifer keinen Abbruch, er schwadroniert weiter: „Ah. Naja. Dann heiraten wir nicht.“ Daraufhin kriegt er einen Lachanfall, während sie Schwierigkeiten hat, ihre Gesichtszüge zu kontrollieren. Er nimmt einen kleinen Zettel aus seiner Hosentasche und schreibt mit Kugelschreiber etwas darauf. Dann drückt er ihr den Zettel in die Hand. „Das ist meine Telefonnummer. Ruf mich an, wenn du doch heiraten willst.“ Darauf sie: „Ich will nicht heiraten. Ich bin schon verheiratet.“ Das scheint ihn nicht zu stören: „Dann nimm Nummer mit für deine Freundinne. Eine will mich bestimmt heiraten.“
In dem Moment hält der Bus und er steigt aus. Sie sitzt noch minutenlang mit dem Zettel in der Hand und sieht aus, als wüßte sie nicht, wie ihr geschehen ist.
Ich jedenfalls weiß nun, warum manche Leute einfach nicht für Ruhe sorgen. Nach der Geschichte wird es mir in Zukunft auch schwerfallen…



