25. Juni 2007 – heute: Von alten Bekannten, Smalltalk und Kaffeeeinladung-Vermeidungsstrategien
Zu Weihnachten bekam ich eine Karte von einer Bekannten, die mit mir zur Schule gegangen war. Wir blieben noch circa zwei Jahre danach in Kontakt. Bis ich sie auf dem Arbeitsamt traf, was ihr schrecklich unangenehm war, und sie damit kompensieren wollte, dass sie versuchte, mich schlecht darzustellen, schließlich war ich ja arbeitslos. Ich habe sie mittlerweile mehr als fünf Jahre nicht mehr gesehen und so fand ich es äußerst seltsam, diese Karte zu erhalten, auf der in vielen Worten nur eins stand: Bitte melde dich wieder bei mir.
Sie pries die frühere Freundschaft, die ihr sehr fehlen würde und ich fand das Ganze ziemlich seltsam, vermisste sie doch eine Freundschaft, die bereits seit mehr als fünf Jahren gestorben war. Von ihrer Seite aus übrigens. Ich entschied mich, auf ihre Karte nicht zu antworten.
Doch ich hätte es eigentlich wissen müssen, dass man so einfach nicht davon kommt und dass auch die Welt ein Dorf ist. Erst recht, wenn man gemeinsame Wurzeln in der gleichen Stadt hat. Nun, ich wohne nicht mehr in dieser Stadt, doch auch ich besuche ab und an meine Eltern und als ich dies am Wochenende tun wollte, kam es wie es kommen musste.
Als ich die Treppen zum Bahnsteig erklimme, strahlt mir ein bekanntes Gesicht entgegen, nämlich ihres. Sie hat sich so positioniert, dass ich ihr nicht entkommen kann. Und vor uns liegt eine längere Zugfahrt. Sie überhäuft mich mit Wortschwällen, sodass ich kaum zu Luft komme. Was ich jetzt mache, wo ich arbeite, wo ich wohne. Mir ist es immer lieber, dass Leute in solchen Smalltalksituationen über sich reden anstatt dass ich Gott und der Welt von mir erzähle und so versuche ich, sie zum Reden über sich zu animieren.
„Und was hast du gemacht seitdem?“ - „Ich hab gearbeitet, dann war ich wieder arbeitslos anderthalb Jahre, jetzt arbeite ich wieder seit März.“ „Wohnst du immer noch daheim?“ - „Ja, aber natürlich nur wegen dem Geld.“ Von ihrer Seite ist das Gespräch jetzt erschöpft, sie hat noch immer genauso wenig zu erzählen wie früher. Stattdessen beginnt sie nun wieder mir Fragen zu stellen. Scheinbar ist ihr aufgefallen, dass es ziemlich traurig ist, dass sie nach fünf Jahren immer noch da steht, wo sie stand, als ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Jedenfalls beginnt sie in der für sie typischen Art und Weise, mich schlecht zu reden. „Du studierst immer noch? Muss ja schlimm sein, mit so wenig Geld auszukommen!“ „Ja ich hab ja gehört, dass du beim Christian ausgezogen bist.“ - „Ja das stimmt, aber schon vor fast zweieinhalb Jahren.“ „Du musst ja ziemlich gelitten haben, dass du alle Kontakte mit Leuten, die dich an ihn erinnerten abgebrochen hast, damals.“ Innerlich wehrt sich alles dagegen. Denn das ist reiner Schwachsinn, und das weiß sie mit Sicherheit auch. „Nein, habe ich nicht. Schließlich habe ich mich auch von ihm getrennt.“
In dem Stil geht es weiter. „Wie schade es ist, dass du nicht mehr mit ihm zusammen bist. Ihr wart so ein schönes Paar. Und mittlerweile wärt ihr bestimmt verheiratet.“ Super, denn das ist das zu erreichende Ziel in der Stadt, aus der ich stamme. Heiraten. Und Kinder kriegen. Und verdammt, ich bin schon zu alt und immer noch unverheiratet. Schrecklich. Kann ich mich doch gar nicht mehr blicken lassen daheim. Ein Wunder, dass es immer noch Menschen gibt, die mich trotzdem mögen.
Endlich kommen wir an. Ich nehme meine Taschen, sie kommt auf mich zu, schaut mich eindringlich an. Wie schnell ist es dahin gesagt, ein „wir müssen unbedingt mal wieder zusammen einen Kaffee trinken gehen“ oder ein „ich ruf dich an“. Ist man eher passiver veranlagt, rutscht einem flott ein „ruf mich einfach an, wenn du Zeit hast“ oder ein „melde dich“ heraus. Ich bin mir dessen sehr bewusst und beiße mir auf die Zunge, denn das, nein, das will ich nicht. Sie stellt ihre Tasche ab und umarmt mich. Ohne dass ich das will. Nein, ich werde das nicht sagen. Ich will keinen weiteren Kontakt zu ihr. Ich nehme meine Taschen, sage „dann mach es mal gut!“ und gehe.



