24. September 2007 – heute: Das Ankleide-Fiasko

Die wahren Dramen spielen sich in Umkleidekabinen ab. Manche auch davor.

Während man innerhalb der Umkleide nachdem man feststellte, dass das man das Hosenbein nicht über den Oberschenkel gezogen bekommt, die Möglichkeit hat, die Hose flink wieder auszuziehen, auf den Haken zu hängen und das Geschehene sofort zu vergessen, gibt es diese Möglichkeit vor der Umkleidekabine nicht mehr. Denn auf dem kollektiven Schauplatz der Eitelkeiten wird gnadenlos jede Schwäche bloßgelegt und während ich mit meiner Freundin im Kabinengang auf eine freie Umkleide warte, werden wir Zuschauer eines wunderbaren Schauspiels.

Eine junge Frau tritt auf den Kabinengang. Durchschnittlich groß, dafür aber unterdurchschnittlich dünn sieht sie etwas verloren aus in ihrer anprobierten schwarzen Stoffhose. Wie vom Licht angezogene Motten schwirren sofort zwei Verkäuferinnen um sie herum. Mit einem „uuuund, meine Liebe, sind sie zufrieden?“, wird sie angesprochen. „Nun … ja“, druckst die Frau herum, „eigentlich finde ich, ist die Hose viel zu groß.“ „Meine Liebe, hier fangen ja auch die Größen erst bei Größe 38 an.“ Die andere Verkäuferin fügt hinzu: „ Und das sieht ja ein Blinder, dass Ihnen eine 38er-Hose noch zu groß ist.“ Am Ende des Kabinenganges sitzt eine Frau und wartet auf ihre Tochter, die sich gerade umzieht. Auch sie mischt sich jetzt ein: „ Na, Sie sind ja auch wirklich viel zu dünn. Essen Sie denn nicht genug?“ Der jungen Frau fällt beinahe die Kinnlade runter. Sie möchte sich umdrehen, zurück in die Kabine und wieder in ihre normale Hose schlüpfen. Doch es gelingt ihr nicht, denn eine der Verkäuferinnen hält sie am Hosenbund zurück, während die andere bereits mit Stecknadeln beginnt die Hose abzustecken. „Das ist doch gar kein Problem! Das können wir doch schneidern lassen!“

Nur wenige Augenblicke später betritt eine andere Frau den Kabinengang, um sich eine bereits anprobierte Hose in einer Nummer größer zu holen. „Ach, das mache ich doch gerne für Sie!“, trompetet ihr eine der Verkäuferinnen entgegen. „Das ist eine 44er-Hose“, sagt die Frau und übergibt der Verkäuferin die Hose. Diese kommt auch flink mit einer neuen Hose über den Arm zurück. „Hier bitte.“ „Welche Größe ist das jetzt?“  - „42.“ – „Aber eben hatte ich 44!“ – „Aber das ist doch Stretch! Und außerdem sehen die Hosen besser aus, wenn sie eng anliegen!“
Tatsächlich nimmt die Frau die Hose entgegen und schlüpft in ihre Kabine zurück. Endlich wird auch für mich eine Kabine frei. Als ich dabei bin, mich umzuziehen, wird der Vorhang ein Stückchen beiseite geschoben. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Oh mein Gott“, denke ich, laut sage ich aber: „Nein danke, ich komme schon zurecht.“ Die Verkäuferin verschwindet auf der Suche nach einem nächsten potenziellen Opfer. „Bloß nicht ermutigen“ und vor allem „Bloß nicht rausgehen, denk an die Hyänen!“, denke ich mir und halte den Vorhang schön geschlossen.

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