20. August 2007 – heute: Blind-Date-Fiasko
20. August – Blind-Date-Fiasko
An einem Freitagabend verabrede ich mich mit einem Freund in einer Restauration, die sich wie sich später herausstellen sollte, sehr passend „Rendezvous“ nennt. Wir setzen uns an einen Tisch ans Fenster, von dem man sehr gut den daran angrenzenden Platz und die im starken Regen beschirmten Menschen anschauen kann.
Gegen neun Uhr betritt eine schätzungsweise 55-jährige Frau das Lokal. Sie schüttelt sich und ihren Schirm aus und schaut sich unsicher um, einmal quer durch den Raum und wieder zurück. Schlussendlich setzt sie sich an den Tisch neben mir und meiner Begleitung. Mit ihren verkniffenen Mundwinkeln, den kurzen silbergrauen Haaren und ihrem grauen Wollkostüm erinnert sie sehr an die Bond-Chefin M.
Während wir essen und trinken und uns unterhalten, schaut sie beinahe apathisch durch das Fenster, nippt an ihrem Weißwein und schaut regelmäßig auf die Uhr.
Als die Bedienung sie fragt, ob sie schon ein Gericht ausgewählt habe, antwortet sie mit spitzen Lippen, dass sie noch auf jemanden warte. Minuten vergehen, es regnet weiter, neue Getränke kommen, alte gehen und sie sitzt immer noch an ihrem Tisch wie bestellt und nicht abgeholt. Als die Eingangstür das nächste Mal aufgeht, betritt ein älterer Herr das Lokal. Er schaut sich fragend um, sein Blick trifft auf M. Sie hebt die Hand, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Er geht auf sie zu, fragt: „Rosemarie?“ - „Ja. Günther?“ - „Ja.“ „Setz dich.“ Aber noch bevor er sich setzen kann, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Du hast mich warten lassen. Eine Viertelstunde! Das ist unverschämt! So lange wartet man nicht mal auf einen Bus!“
Er verzieht die Mundwinkel, wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, dass er eine Minute nach Treffen seines Blind Dates sofort in Verteidigungsstellung gehen müsste. „Ich entschuldige mich für meine Verspätung“, sagt er förmlich. „Ich komme ja aus Düsseldorf und wegen des Regens ging gar nichts mehr auf den Autobahnen. Ich bin so schnell gekommen, wie es ging, aber das lag nun nicht mehr in meiner Gewalt. Aber es tut mir sehr leid, dass du hier auf mich warten musstest.“
Aber für M ist es mit dieser Entschuldigung nicht erledigt. Sie lässt ihren ganzen Unmut darüber, dass er sie hat warten lassen, weiter an ihm aus. Sie schimpft mit ihm, weil er seinen Schirm nicht ausgeschüttelt hat und sich nun eine Pfütze unter ihrem Tisch bildet. Sie schimpft, weil durch den Wind seine Haare wild durcheinander liegen und er „offensichtlich keinen Respekt vor ihr hat, sonst hätte er sich ja die Haare vorher gekämmt“. Zu all dem Gemotze macht Günther eine stoische Miene und lässt sich nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Wir hingegen sind uns einig: Wir wären schon längst gegangen, statt uns von einer Unbekannten so beschimpfen lassen zu müssen. Doch wir haben nicht mit Günther gerechnet. Der jedenfalls lässt sich nicht einfach nur beschimpfen, sondern wartet auf die passende Gelegenheit. Die kommt ein paar Minuten später. Draußen ist es mittlerweile dunkel, was den Barkeeper veranlasst, den Lichtdimmer wieder etwas heraufzudrehen, damit die Gäste auch sehen, was auf den Tellern vor ihnen liegt. Und nun ist sie da, Günthers Chance. Während meine Begleitung sagt, dass nun die romantische Stimmung dahin ist, begrüßt Günther die Erleuchtung. Das lässt er M auch spüren, als er sagt: „Das ist schön, dass die Licht anmachen, denn dann kann ich endlich mal deine Falten bewundern.“



