15. Oktober 2007 – heute: Der beinahe perfekte Gastgeber
Gastfreundschaft ist ein Wert, der anscheinend in unserer Gesellschaft zunehmend an Bedeutung verliert. Wo Mutti früher noch tagelang in der Küche stand um kulinarische Meisterwerke vorzubereiten, Gästezimmer herausgeputzt wurden und das Haus mit Blumen dekoriert wurde, um es dem Gast so angenehm wie möglich zu machen, sieht das heute doch meist ganz anders aus. Seit dem ich aus dem Alter für einen Englandaustausch heraus bin, übernachte ich selten bei gestandenen Hausfrauen, sondern bei Freunden und Bekannten in meinem Alter. Da kann man schon froh sein, wenn man eine Klappcouch vorfindet und ein frisch bezogenes Bettzeug, welches nicht nach dem Vorbesuch riecht. Oder wenn in deinem Beisein eine Matratze unter dem Bett hervorgezogen wird, auf der sich der Staub von mindestens einem Jahr befindet, die dann mit einer dünnen Decke dekoriert wird.
Doch ein Besuch bei einem Freund in einer großen deutschen Stadt für mehrere Tage entwickelt sich zu einer wahren Herausforderung. Er muss tagsüber arbeiten, während ich mir die Stadt ansehe. Da er morgens bereits in aller Herrgottsfrühe das Haus verlässt, schlägt er eine Regelung vor. „Du kannst dich hier bedienen wie du willst, es ist alles da. Und dann treffen wir uns abends in der Stadt und essen zusammen was.“ Alles klar, denke ich mir, das schaffe ich schon. Der Moment der ersten Frustration geschieht, als ich am Morgen aufstehe und in die Küche gehe, um mir einen Kaffee zu machen. Kein Kaffee, keine Milch. Nur Instantbrühe. Gut, dann wohl das. Dann suche ich irgendetwas Essbares zum Frühstück. Ich finde kein Brot, kein Knäcke, aber Cornflakes, ohne Milch. Stattdessen im Schrank: Diätpudding und Kakao in Packungen. Massenweise. In meinem Ohr schallt es: „Bedien dich, es ist alles da.“ Was denkt der, wovon ich mich ernähre?
Ich lass meinen Instantkaffee stehen und verlasse das Haus. An einer Bäckerei kaufe ich einen ordentlichen Kaffee und ein belegtes Brötchen. Den Tag über schlendere ich durch die Stadt, genieße meine freie Zeit und freue mich auf abends. Auf ein schönes gemütliches Essen in einem schönen Lokal und danach noch auf eine Unternehmung oder eine gute Unterhaltung, schließlich haben wir uns schon über ein Jahr nicht gesehen. Ab nachmittags wütet der Hunger in mir, doch ich versage mir, etwas zu essen, in Gedanken an das feine Mahl am Abend. Endlich ist der vereinbarte Zeitpunkt da, ich warte und warte. Er verspätet sich um eine halbe Stunde, es wäre noch viel zu arbeiten gewesen. Telefone gibt es in dieser Großstadt sicher nicht.
Ich frage, wo wir nun hingehen sollen, woraufhin er sagt, dass er das auch nicht wüsste. Was ich denn machen wollen würde? „Na, ist doch klar. Ich hab doch schon seit Stunden Hunger“, sag ich, „ich dachte, wir wollten Essen gehen!“ „Och nö“, antwortet er, „ich hab heute schon im Büro gegessen.“ Super. Weil es so schön warm ist und in Gedanken daran, dass es dort auch Essen gibt, schlage ich vor in einen Biergarten zu gehen. Wir finden einen freien Platz, ich bestelle etwas zu essen. Als endlich das Essen vor mir steht und ich halb verhungert darüber herfalle, verfällt er in einen Monolog darüber, wie doof es ist, wenn nur einer isst. Und außerdem ist das Essen völlig überteuert, das hätte er mir zu Hause ja viel billiger kochen können. Und es schmecke bestimmt nicht einmal. Da hat er leider Recht, aber ich beiße mir auf die Zunge, das muss ich ihm ja nicht auch noch sagen.
Gegen halb acht abends äußert er den Wunsch nach Hause zu gehen, es wäre spät genug, und er müsste ins Bett. Ich hab ja keine Wahl, also gehe ich mit, obwohl für mich der Abend gerade erst angefangen hat. Zuhause angekommen verabschiedet er sich von mir, sagt noch: „Aber morgen gehen wir bestimmt essen!“, gähnt ein paar Mal. Betont noch einmal, dass er jetzt dringend ins Bett muss und schließt die Tür hinter sich. Noch zwei Stunden lang höre ich Tastaturgeklapper, während ich es mir mit meinem Buch auf der staubigen Matratze auf dem Boden bequem mache. „Morgen“, denke ich, „morgen ess ich auch vorher.“



