13. August 2007 – heute: Komike Mensche und Portemonnaies

An einem Nachmittag, den ich damit verbrachte mit einem Bekannten durch die Innenstadt zu schlendern und durch Geschäfte zu bummeln, verschlug es uns zu Karstadt. Denn mein Bekannter benötigte dringend ein neues Portemonnaie, nachdem das alte gerissen war und sich das Kleingeld nun mit präziser Regelmäßigkeit über den Boden ergoss. So machten wir uns auf in die Lederwarenabteilung und fanden uns an einem dieser Wühltische wieder, auf denen sich Lederportemonnaies mit einem dezent angebrachten roten Aufkleber „-70%“ wieder fanden. Solche Verkaufstische haben eine eigenwillige Dynamik. Sie können unbegutachtet minuten- oder manchmal auch viertelstundenlang mitten im Raum stehen, nähert sich ihnen aber ein Interessent und wirft ein paar Mal ein paar der zu verkaufenden Objekte von rechts nach links, wird der Jägerinstinkt von anderen Kaufhausbesuchern angesprochen, die dann exponentiell den Wühltisch mitbevölkern. Schon nach wenigen Minuten ist es nicht mehr möglich, mal eben den Verkaufstisch von der anderen Seite zu begutachten.

In unserem Fall näherten sich bereits nach wenigen Minuten zwei Afrikaner, die munter versuchten, ihre großformatigen Reisepässe so zu knicken, dass sie in Portemonnaies passten, in welche nicht einmal die recht kleinen deutschen Personalausweise hineingesteckt werden konnten. Ihnen folgten eine Mutter und Kind. Der Junge war ungefähr sechs bis acht Jahre alt und quatschte in einem fort.

Während die Mutter sich einen Platz auf der anderen Seite des Tisches suchte, stellte sich der Junge, der mit ockerfarbenen Kordhosen und einem blassvioletten Pullover erstaunlich unmodisch gekleidet war, genau neben meinen Bekannten. Fortan wühlte er sich durch die Portemonnaies und versah jedes einzelne mit einem lautstarken Kommentar. Natürlich interessierten ihn nur die Geldbeutel, die innerhalb der Zone zwischen den beiden Armen meines Bekannten lagen. So grapschte er ihm mit seinen Kinderfingern ein ums andere Mal ein Portemonnaie direkt vor den Fingern weg. Die Mutter suchte Blickkontakt mit mir, schlug die Augen auf, zog die Augenbrauen hoch und versuchte so entweder, sich für das Verhalten ihres Sohnes zu entschuldigen, oder um Mitleid zu beten. Mitleid hatte ich dann auch mit ihr, denn was der Junge so von sich gab, war schon allerhand.

„Mama, warum musstest du denn schon wieder eine Tasche kaufen? Du hast doch schon so viele!“ Ruhig antwortete sie ihm: „Die waren doch so reduziert. Und ich brauchte noch eine für den Herbst.“ Anscheinend war dies für den Jungen keine brauchbare Aussage, denn er wendete sich meinem Bekannten zu und sagte zu ihm: „Jeden Monat kauft die sich mindestens vier Handtaschen. Mindestens. Wenn nicht mehr. Aber wenn ich so wie eben frage, ob ich was zu trinken haben darf, weil ich super durstig bin, dann sagt sie immer, nee, Florian, das ist zu teuer. Aber für Handtaschen hat sie immer Geld.“ Die Mutter errötete und wies ihn zurecht: „Florian. Das stimmt überhaupt nicht!“
„Doch, das stimmt. Und warum suchst du jetzt ein neues Portemonnaie? Brauchst du doch auch nicht! Oder ist das, in dem du immer das Geld vor Papa versteckst, kaputt? Das normale ist doch noch okay.“

Nun ähnelte das Gesicht der Mutter doch sehr der Farbe eines Feuerlöschers. „Florian! Mensch!“, schimpfte sie und zog ihn am Arm mit sich fort. Flugs waren sie aus dem Blickfeld verschwunden. Einer der Afrikaner grinste uns an: „Komike Mensche“, sagte er.

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