10. März 2008 - heute: Experiment mit einer Unsitte

Ich sitze mit einer Freundin in dem Schaufenster einer großen amerikanischen Kaffeekette und unterhalte mich. Die gemütlichen Sessel stehen so weit auseinander, dass man ziemlich schnell vergessen könnte, dass noch andere Menschen um einen herum sitzen und dem Gespräch folgen können. Aber so ganz dann eben doch nicht, allzu privates sollte man besser an einem solchen Ort nicht besprechen. Also reden wir über Bücher. Für die Uni soll ich einen Vorschlag machen, ein amerikanisches Buch mit autobiographischem Hintergrund ist gesucht. Wir beide sind in amerikanischer Literatur nicht sehr bewandert, trotzdem werfen wir mit Buchtiteln um uns. Vom mindestens anderthalb Meter entfernten Sessel erhebt sich ein Mann mittleren Alters und kommt auf uns zu. „Entschuldigung“, sagt er, „ich höre, Sie suchen ein amerikanisches politisches Buch? Probieren Sie es mal mit Seymour Hersh und Die Befehlskette. Ich hab Ihnen das hier schon mal aufgeschrieben.“ Sagt es, drückt mir tatsächlich einen beschrifteten Zettel in die Hand, setzt sich wieder in seinen Sessel und trinkt seinen Kaffee. Wir hingegen schauen uns verdutzt an.

Auch wenn es in diesem Fall nett war, halte ich doch das Einmischen in Gespräche anderer für eine Unsitte. Obwohl man den meisten ja zugute halten muss, dass Sie es für hilfreich und gut halten. Situationen dazu gibt es mehr als genug. Als ich mich mit meiner Freundin in der Bahn darüber unterhalte, an welcher Station wir besser aussteigen sollten, mischt sich eine Dame ein und teilt uns ungefragt ihre Meinung dazu mit. Als ich im Buchladen ein Taschenbuch in die Hand nehme, stellt sich ein junger Mann neben mich und zeigt auf das Buch in meinen Händen: „Lesen Sie das besser nicht. Das ist äußerst schwach.“ Vielen Dank. Aber vielleicht habe ich andere Lesevorlieben als Du. Vielleicht möchte ich auch lieber an einer anderen Station aussteigen. Vielleicht.

Ich frage mich, was Menschen dazu bringt, sich in Gespräche einzumischen und entschließe mich dazu, es,  entgegen meinem Naturell,  auch einmal auszuprobieren. Schon bei der nächsten Bahnfahrt probiere ich es aus. Ich überlege kurz, einer Gruppe Jugendlicher mit Migrationshintergrund darauf hinzuweisen, dass ihr Handysound extrem uncool ist, lasse es aber aus sicherheitstechnischen Gründen lieber sein.

Im Kaffeehaus setzt sich eine Gruppe junger Mädchen neben mich. Ohne groß darauf zu achten, dass sie nicht alleine sind, hecheln sie scheinbar alle Männer in ihrem Bekanntenkreis durch. „Und der Sven, der läuft wie eine Ente.“ „Der Jan kann nur Tiefkühlpizza, das hält man ja kein Wochenende durch.“ Ich warte auf meinen Einsatz. Lang kann er nicht mehr auf sich warten lassen. „Ach, ich muss euch noch erzählen, wie mein Wochenende bei Peter war“, sagt eines der Mädchen. Jetzt ist er gleich da, mein Moment. „Der ist schlecht im Bett, das glaubt ihr nicht!“

Da ist er: „Doch, da hast du Recht. Peter ist saumäßig schlecht im Bett“, sage ich, grinse ihnen zu, stelle schnell meinen Kaffee hin, nehme meine Jacke und bin raus. Aus dem Schaufenster schauen sie mir noch verdutzt hinterher. Jetzt weiß ich, warum Menschen das machen: Weil das Spaß macht!

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