1. Oktober 2007 – heute: Die Anstarrschwelle

Wer aufmerksam durch die Welt läuft, sieht allerhand. Ungewöhnliche Fahrzeuge, niedlich eingerichtete kleine Läden, unglaublich aufeinander gestapelte Gegenstände. Doch viel häufiger bleibt unser Blick an Menschen hängen. Da sehen wir unmöglich gekleidete Menschen, von Eis verschmierte Kinder, lilagefärbte Damen auf motorisierten Einkaufswägen und Fahrradfahrer in seltsamer Kleidung mit Reflektor-Lampenstirnband in der Straßenbahn. Es liegt in unserer Natur, dass wir uns ungewöhnliches anschauen. Doch wo genau hört interessiertes Angucken auf und geht in aggressives Anstarren über?

Es gibt keine Regel, die sagt, starr nicht länger als 20 Sekunden in den Einkaufswagen in der Schlange hinter dir und hebe erst recht nicht im Anschluss den Blick, um dir die Person zum Einkaufswagen anzuschauen. Wie lange darf man die Person, die einem in der Straßenbahn gegenüber sitzt, diskret mustern? Die Antwort – ich hab keine. Normalerweise gibt es dieses Gefühl, das meist dann auftaucht, wenn Blickkontakt hergestellt wird, das einen zum Wegblinzeln bringt und somit sagt: Es ist genug. Doch was, wenn dieses Gefühl nicht kommt, oder vielleicht gar nicht vorhanden ist?
Dann sieht man Leute, deren Starren so aufdringlich und unangebracht ist, dass sie sogar Unfallstellen versperren.

Doch solches gibt es auch im Kleinen, wie mir letzte Tage bewusst wurde:
Ich sitze mit einer Freundin an einer Bahnstation, auf einer Bank warten wir auf eine andere Freundin. Aus einer ankommenden Bahn steigt ein Herr mittleren Alters, bleibt ungefähr einen Meter neben uns stehen und starrt meine Freundin unverhohlen an. Sie dreht sich mehr zu mir, wir reden ein paar Minuten weiter, während er zwar ab und an wegschaut, aber immer wieder den Weg für seinen Blick zurückfindet. Langsam wirkt sein Starren nicht nur unangenehm, sondern äußerst störend und unangemessen. Mirja ergreift die Initiative und fragt den Mann in einem herrischen Ton: „Ist was?“ Erstaunt antwortet er: „Nein, wieso?“ „Und warum starren Sie mich die ganze Zeit an?“ Er antwortet: „Ich starre Sie nicht an. Träumen Sie weiter!“ Er dreht sich um und schaut eine halbe Minute in eine andere Richtung. Anscheinend hält er das aber nicht länger aus, denn er dreht sich wieder um und starrt erneut Mirja an. Die hat langsam aber die Nase voll. „Was ist denn los, warum starren Sie mich an?“ Er lässt ein paar Sekunden verstreichen, dann sagt er: „Ihnen ist kalt was?“ - „Wieso?“ Die Antwort folgt auf den Fuß:„Ich kann ihre Brustwarzen sehen!“
Mirja springt erregt auf. „Sie spinnen ja wohl. Entweder sie gehen jetzt hier weg, oder ich rufe die Polizei.“ In diesem Moment fährt eine Straßenbahn ein. Der Mann sprintet zur Tür, steigt schnell ein und schreit durch die noch geöffneten Türen nach draußen: „Tolle Brustwarzen!“ Mirja schnappt nach Luft. Es dauert eine Zeit, bis sie sich wieder beruhigt.

Normalerweise klappt das mit dem Gefühl des Wegblinzelns. Vorausgesetzt die Augen des angestarrten Opfers liegen im Blickfeld des Betrachters.

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