Seltsame Tage - Trümmer

Seltsame Tage sind das. Lediglich im Büro herrscht normaler Wochentagszustand. Zuhause lebe ich in Kisten, koche nicht mehr, weil keinerlei Vorräte mehr da sind, denn die müssten wir ja rübertragen in die neue Wohnung. Ich schlafe nur auf meiner Matratze auf dem Boden, weil wir am Dienstag morgen um sechs den Sperrmüll raustragen mussten, aus dem fünften Stock. Seitdem kein Bett und kein Schrank mehr. Richtig gemütlich ist es bei mir in der kleinen Wohnung.

Sobald man auf die Straße geht, ein völlig anderes Bild. Die Straße ist noch im Ausnahmezustand, egal in welches Geschäft man geht, egal an welchem der vielen Grüppchen auf der Straße man entlang geht, es gibt nur ein Thema: den Einsturz. Wen wundert es, der unsichere Bereich wird immer weiter ausgedehnt, man weiß immer noch genauso wenig wie vor einer Woche. Unschuldsbeteuerungen, man habe ja nichts gewusst, natürlich nicht. Doch das hilft alles nichts. Das was hier so schockiert, ist das das Unglück in einen Privatbereich vorgedrungen ist, den man immer für sicher hielt. Natürlich sind wir uns bewusst, wenn wir uns ins Auto setzen, dass ein Unfall im Bereich des Möglichen liegt. Aber wenn man seine Wohnungstür hinter sich schließt, schließt man zu einem gewissen Teil auch die Außenwelt aus. Wenn man sich nicht einmal zuhause sicher fühlen kann, wo dann. Und wo fühlt man sich schon sicherer, als im Schlaf im eigenen Bett? Das ist das, was so schockiert. Das vermutlich zwei junge Männer im Schlaf im eigenen Bett zu Tode gekommen sind.

Mir geht das unglaublich nahe, wohl auch, weil es so nahe an mir dran ist. Die Nachrichten gestern waren zuviel für mich. Während hier ein Unglück geschieht, das Todesopfer mit sich bringt, sorgt anderswo jemand gewollt für eine hohe Anzahl von Opfern. Das ist mir unverständlich, da rebelliert nicht nur mein Herz, sondern auch mein Magen.

Noch ein paar wenige Tage, dann werd ich das Viertel, das mir immer sehr am Herzen lag und in dem ich mich zuhause fühlte, verlassen. Und ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Tag einmal herbeisehnen würde, viel eher vermisste ich es bereits, als konkrete Umzugspläne entstanden. Doch nun ist alles anders. Dieses Viertel wird sich so schnell davon nicht erholen und ich mich wohl auch nicht. Und das als nicht eimal direkt selbst Betroffene. Wie schlimm muss es dann erst den Betroffenen gehen? Es ist mir unverständlich, wie diese in ihre Anwohnerwohnungen zurückgehen können.

Viel passiert nicht in diesen Tagen, ich lenke mich ab mit Umzugsvorkehrungen. Doch heute abend werde ich einmal den Kopf freibekommen, denn ich habe gestern zwei Tickets für die Lesung von Daniel Kehlmann bei der Litcologne gewonnen. Zeit hab ich dafür eigentlich nicht, aber was solls. Positive Ablenkung ist äußerst erwünscht.

12 March 2009 | | gefühlschaos | Comments

One Response to “Seltsame Tage - Trümmer”

  1. 1 Blabbermouth 13 March 2009 @ 11:23 am

    Oh Mann. Ich denke, wer sowas nicht erlebt hat, der wird es auch nicht nachvollziehen können. Aber selbst das bisschen Vorstellungskraft, welches mir vermittelt wie es sein muss, sein geliebtes Veedel verlassen zu MÜSSEN, machts für mich schon ein wenig erklärbar. Deswegen: Kopf hoch!!!

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