25. August 2008 - Schulfreunde - Schulfeinde
Alte Bekannte aus Schulzeiten unverhofft wiederzutreffen scheint für manche Menschen ein Quell purer Freude zu sein. Da werden dann idyllische Klassenfahrt-Geschichten ausgetauscht und sich gegenseitig belobhudelt. Jedenfalls lese und höre ich so etwas immer. Aber bei mir, im richtigen Leben, sieht das doch ganz anders aus.
Nach einem Wochenendbesuch bei meinen Eltern nehme ich abends den Zug zurück in die Großstadt. Noch bevor ich meinen Fuß zwischen die sich öffnenden Türen setzen kann, spüre ich einen Schlag auf die Schulter, Sekunden später höre ich: „Meeensch, das man dich mal wieder hier sieht!“ Ich drehe mich um, vor mir steht jemand, den ich ab der siebten Klasse gezwungen war beinahe jeden Tag zu sehen. Nach dem Abitur jedoch nie wieder. Bis jetzt. Ich nehme an, es hat seinen Grund.
Ich schaffe es gerade noch, einen Sitzplatz zu ergattern, bevor das Unwetter über mir niedergeht.
„Kannst du dir vorstellen, wie erfolgreich ich geworden bin? Unglaublich! Ich habe mein BWL- Studium letztes Jahr abgeschlossen und arbeite jetzt in Münster im Institut und schreibe innerhalb der nächsten drei Jahre meine Dissertation. Ist das nicht toll? Ich weiß, manche Leute erreichen solche Ebenen nie in ihrem Leben, da ist das schon schwer nachzuvollziehen…“ Er schnappt nach Luft. Waren ja auch ziemlich viele Angeber-Sätze am Stück.
„Naja“, sage ich, „ich bin auch mit meinem Studium fertig. Und ich habe schon eine Ausbildung hinter mir…“. Er unterbricht mich: „Das kann ja dann nicht so schwer gewesen sein, sonst wärst du ja noch nicht fertig. Was hast du noch studiert?“ Ich antworte „Germanistik“, doch schon während der letzten Silbe fällt er mir wieder ins Wort. „Siehste, Germanistik, das ist doch Humbug. Da muss man ja auch nichts können. BWL hingegen, das muss man verstehen, weißt du, da braucht man Grips! Da kann man nicht nur ein Buch lesen und sagen, jaaa, schön, das gefällt mir. In BWL muss man richtig was können!“ Ich hatte ja immer den Eindruck, dass nur diejenigen BWL studiert haben, die sonst nicht wussten, was sie machen sollten.
„Und jetzt hast du keinen Job, oder?“ Der Frontalangriff bringt mich etwas aus dem Konzept. „Ich suche im Moment nach einer Stelle, die mir zusagt.“ „ Ja, da kannst du dich auf was gefasst machen. Ich versteh ja auch nicht, warum man so eine brotlose Kunst studiert. Ich mein, das weiss man doch vorher, dass man damit direkt arbeitslos wird. Warum lässt man sich darauf überhaupt ein? Weiss man doch, dass die meisten Langzeitarbeitslosen Germanisten sind…“
So ein Blödsinn. Mir tut das Geschwätz in den Ohren weh. Gottseidank erreicht der Zug die Großstadt in diesem Moment. Obwohl wir längst nicht an meiner Station sind, steige ich aus, fahre lieber mit der Straßenbahn durch die Stadt, als diesem Monolog noch drei Minuten länger zuzuhören.




3 Responses to “25. August 2008 - Schulfreunde - Schulfeinde”
1 Dirk 26 August 2008 @ 7:31 am
Ich bin - fast - sprachlos. Gibt es solche selbstherrlichen Zeitgenossen wirklich? Naja, BWLer halt. Tzz.
2 Andreas 26 August 2008 @ 3:21 pm
Kann dem nur zustimmen. Unglaublich. Der Mensch steht morgens wahrscheinlich eine halbe Stunde vor seinem Spiegelbild und on.. betrachtet sich sehr intensiv um gut gelaunt in den Tag zu starten…
3 Reauxnis 26 August 2008 @ 9:58 pm
Ach? Man kriegt wirklich einen Job mit BWL?
Hier, wo ich meine Zeit verbringe, ist das ein Studium in die Brotlosigkeit…
Und wenn ich solche Menschen kennen würde, wüsste ich auch warum.
Moment.
Ich kenne. Ich weiß.
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