Sonntagabend
Das Bedürfnis nach innerer Ruhe und Ordnung drang heute beinahe zwanghaft nach außen. Schuhe wurden aussortiert und umsortiert. Bücher im Regal von rechts nach links und von oben nach unten verschoben. Die Küchenregale erfreuten sich einer strengen Säuberung und das Vorratsregal wurde ausgedünnt. Es ist beinahe unglaublich, wie sehr es mich innerlich befriedigt, gefüllte Müllsäcke aus dieser Wohnung zu tragen und mir der Illusion hinzugeben, ich hätte die totale Kontrolle über alle Vorgänge, die in dieser Wohnung entschieden werden. Das ist nicht so, bei Weitem nicht. Das weiss ich, sehr sogar. Aber für heute abend gebe ich mich dieser Illusion hin.
Denn Morgen fängt die neue Woche an, die nach einem Blick in den Kalender katastrophal werden wird. Ich habe schon jetzt keine Lust mehr. Zuerst soll morgen eine neue Rechnung an Ort und Stelle beglichen werden, dann steht abends ein Vortrag in einer anderen Stadt an. Begleiten wird mich eine noch Unbekannte, deren Telefonstimme allerdings sehr nett klingt. Und merke: Das ist der beste Tag der Woche. Der Rest - nein, noch ist Sonntag, noch verschließe ich die Augen und gebe mich weiter der Illusion hin.
Aber so ganz ohne Günter geht es dann doch nicht: Zuerst die Grass-Gala im TV als Frühstücksuntermalung, nun gegen Mitternacht die Unkenrufe. Man könnte meinen, ich sei süchtig.




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