Geschichten, wie man jemand seinen Traumprinz per Internet oder Online-Partnerbörse gefunden hat, kursieren schon seit mehreren Jahren durch die Medien. Es gibt Hochzeitsbilder, von Paaren, die sich bei Datingcommunities fanden, es gibt die ersten neu.de-Babies. Oh, schöne neue Internetwelt. Hier kann sich finden lassen, wer vorgibt, nicht zu suchen. Doch wer darauf hofft, dass sein Profil im Liebesalarm nur der potenzielle Traumpartner findet, irrt. Denn die Geschichten, die nicht ins Happy-Liebesglück-End führen, die erzählt niemand.
So zum Beispiel die Geschichte einer nicht mit Modelmaßen ausgestatteten Freundin, die sich mit ihrem Profil in einer Datingplattform sehr viel Mühe gibt, alles bereitwillig ausfüllt und ein persönliches Foto hochläd, welches unretuschiert aussagt: What you see is what you get. Was sie allerdings bekommt, sind Beschimpfungen unter der Gürtellinie. Es geht soweit, dass sie diese persönlichen Verletzungen, die ihr Selbstwertgefühl doch ziemlich stark beeinträchtigen, meldet und die entsprechenden User ausgeschlossen werden. Das hindert diese aber nicht daran, sich Tags darauf unter einem anderen Namen wieder anzumelden und die Beschimpfungen zu verstärken. Sie meldet sich daraufhin ab und betritt diese Plattform nie wieder. Oh schöne neue Internetwelt.
Eine andere Bekannte meldet sich bei einer ähnlichen Plattform an und erhält kurze Zeit später eine Nachricht eines ihr Unbekannten. Er finde sie toll, ob sie sich nicht einmal verabreden wollen würden. Nein danke, kein Interesse, äußert sie und denkt, die Chose hätte sich erledigt. Hat sie sich aber nicht, denn der Unbekannte kommt aus der gleichen Kleinstadt und kennt sie offensichtlich. Über gemeinsame Bekannte findet er persönliche Details heraus, ruft ihre Eltern an, gibt sich als Bekannter aus und fragt nach ihrer Handynummer. Die Eltern geben diese auch heraus und fortan wird sie so lange mit Anrufen belästigt, bis sie die Nummer wechselt. Oh schöne neue Internetwelt.
Wenn man so hört „Ich hab meinen neuen Freund über das Internet kennen gelernt“, dann hält man dies eigentlich für ein Phänomen der jüngeren Generation. Doch auch die Eltern eben dieser steigt auf das Pferd auf, können aber möglicherweise den Reitweg nicht einschätzen. So geschehen in einer Kleinstadt:
Zwei geschiedene Mittvierzigerinnen verbringen einen Abend bei Prosecco auf der Couch und mit fortschreitendem Alkoholpegel kommen sie auf die Idee, sich bei einer Datingplattform einmal umzusehen. Schnell Altersgruppe und Postleitzahl eingegeben und schon ist das doch recht ausgedünnte Angebot an Männern der Zielgruppe und der Kleinstadt zugehörig präsent. Siehe da, der ortsbekannte Gigolo. Sonnenbankgebräunt lächelt er vom Bildschirm. Kichernd lesen sie sich den Profiltext durch, jaja, war ja klar, dass der keine Ehe sucht, schließlich ist der ja schon geschieden. Außerdem hat der dieser jungen Arzthelferin schon ein Kind angehängt. Nee, der will nur seinen Spaß und sein Geld behalten. Außerdem hat er beim Alter gelogen!
Sie klicken sich durch die anderen Männer. Eine Seite weiter erleben sie eine Überraschung. Es lächelt sie ein ihnen bekannter Mann mit Vorderglatze an. Es ist der Mann einer Freundin und Kollegin aus dem Supermarkt, die erst letzte Woche silberne Hochzeit gefeiert hatte. Was soll man tun? Sie überlegen, ob sie es der Freundin sagen wollen und entscheiden, erst einmal darüber zu schlafen und ohne Alkoholeinfluss noch einmal darüber nachdenken zu wollen. Als sie am nächsten Tag noch einmal sein Profil anschauen, stellen sie fest, dass eine andere Kollegin aus dem Supermarkt ihm eine Nachricht hinterlassen hat. Als sie diese im Supermarkt daraufhin fragen, wird schnell klar, dass alle im Supermarkt Bescheid wissen – nur die Ehefrau nicht. Nun sind sie sich einig, dass sie ihrer Freundin davon berichten müssen, dass ihr Ehemann hinter ihrem Rücken neue weibliche Bekannte im Internet sucht und die halbe Kleinstadt davon Bescheid weiß. Die Fassade der Ehe bröckelt nicht nur, sie stürzt ein. Die Frau fühlt sich betrogen, nicht nur vom Mann, sondern auch von den Arbeitskollegen. Sie verlässt den Mann, zieht in eine neue Wohnung und sucht sich einen neuen Job. Denn dort, wo sie das Gefühl hat, das Gesicht verloren zu haben, dort möchte sie nicht länger sein. Oh schöne neue Internetwelt.
Als eine Freundin den ortsansässigen Schreibwarenhändler besucht, verwickelt dieser sie in ein Gespräch. Jaa, erzählt sie, mein Bruder heiratet die Tage hier auf dem Standesamt. Oh, das ist ja toll, antwortet er. Alle heiraten, nur meine Töchter werde ich nicht quitt. Die eine sucht jetzt sogar schon über neu.de, sagt er. Nunja, die Tochter war ja auch schon immer extrem unansehnlich, denkt sie bei sich und zuhause durchstöbert sie neugierig die Datingplattform nach dem Profil der Tochter. Als sie es gefunden hat, muss sie furchtbar lachen ob des Fotos. Schnell ist eine Freundin angerufen und ihr mitgeteilt, wie furchtbar dieses Foto wäre und wie erbärmlich das Profil. Sie lachen zusammen, doch als sie ihr ein paar Tage später im Supermarkt begegnet, kann sie ihr nicht mehr offen ins Gesicht schauen. Oh schöne neue Internetwelt.
Sicher ist das Internet eine Plattform um den Traumpartner zu finden. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass mich auch andere Menschen finden, die ist deutlich größer.
5 August 2007 | | universum
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7 Responses to “Oh schöne neue Internetwelt”
1 Andreas 6 August 2007 @ 12:02 am
Das Fazit gefällt mir sehr. Es trifft den aktuellen Stand sehr gut.
Ganz sicher gibt es Datingportale etc., aber es gibt auch andere Informationsquellen wie studivz, die einem den Zugang zu mitunter sehr persönlichen Informationen wie z.B. wer gehört zu meinem Freundeskreis, sehr einfach machen.
Leider sind die Möglichkeiten für Vollidioten, die meinen, Personen, die nicht mit einem Astralkörper gesegnet wurden, fertig machen zu müssen, auch recht vielfältig - das obige Beispiel zeigt dass das Internet leider nur an seinen guten Seiten fortschreitet - Web 2.0 etc. machen das Internet bequemer, schöner und interessanter, aber definitiv nicht besser.
2 neous 6 August 2007 @ 8:05 am
Sich damit rühmen, den Freund im Internet kennen gelernt zu haben ist nicht unbedingt toll…denke ich. Es ist sicherlich eine Möglichkeit, aber die kann, wie du so schön beschrieben hast, ja auch deutlich daneben gehen. Wenn ich daran denke…war es doch mehr ein glücklicher Zufall. Der wiederum ist dann doch auch schön, sollte dementsprechend aber auch gewürdigt werden und nicht mit einer “Internetfreundschaft” abgetan werden.
3 Ruwen 6 August 2007 @ 5:05 pm
Du hast unangenehme Begleiterscheinungen des Internets aufgeführt, die so leider auch auch in der nichtvirtuellen Welt vorkommen. Stalking ist ein Phänomen, bei dem sich beide Seiten (leider) kennen müssen. Das kann somit auch die verflossene große Liebe sein, die plötzlich durchdreht. Deine Supermarktbegebenheit ist doch gerade auch ein Beispiel dafür, dass die private Katastrophe in der realen, kleinen Welt schon stattgefunden hat. Das Internet war doch nur der ‘klärende’ Tropfen, der alles zum überlaufen brachte.
Kontaktbörsen oder -Institute gab es schon vor der Netzwelt. Das Risiko an einen Spinner bzw. eine Spinnerin zu geraten, können dir bestimmt unzählige Betroffene aus dieser Zeit bestätigen. Im Internet wird es nur dann problematisch, wenn die Suche anonym stattfindet. D.h. selbst die Macher der Plattform kennen nicht die realen Personen hinter den Gesuchen.
@ 1 Andreas: Bei StudiVZ waren es nicht die User, sondern die Organisatoren, die den Laden kompromittiert haben. Innercircle des Ladens, in denen vertrauliche Informationen zur plumpen Baggerei missbraucht wurden (berichtige mich bitte, wenn ich mich irre)
@ 2 Neous: Jede Beziehung kann den Bach runter gehen. Die unterschiedlichen Wege den oder die zu finden, mit dem sie nicht den Bach runter geht, erscheinen dir vielleicht nicht so ‘toll’ oder gar seriös, aber einige haben eben keine Angst vor der Bauchlandung. Sie sagen sich, ‘Hauptsache den Rest des Lebens nicht alleine rumhocken’.
4 deeli 6 August 2007 @ 5:10 pm
Noch einmal zur Klärung. Ich habe nicht über das “Internet an sich” geschrieben, nein, ich dachte, ich hätte klar gemacht, worum es geht. Darüber, dass Datingplattformen fröhlich verbreiten lassen, wieviele tolle Liebesgeschichten sie zu verantworten haben. Ja, diese Geschichten hört man. Aber die schlechten Geschichten dahinter, und ich spreche explizit hier nur von Datingplattformen, die erzählt niemand. Und das wollte ich hier einfach mal tun.
5 neous 6 August 2007 @ 5:15 pm
Ich muss lachen, wenn ich mir den Schuh anziehen soll, Angst vor einer solchen Bauchlandung zu haben. Man kann es nicht wissen, aber da bin wohl ich genau die falsche…
Egal: Ich wollte nie festhalten, dass Plattformen jeglicher Art eine unseriöse Art der Freundessuche sind. Es ist jedem selbst überlassen, wo er sein Glück sucht und vielleicht auch findet. Wenn ich mich da dumm ausgedrückt habe, entschuldige ich mich dafür.
6 Ruwen 6 August 2007 @ 5:44 pm
@ 4 Deeli: Ich habe mich wahrscheinlich zu sehr auf die Überschrift berufen. Sorry.
Übrigens glaube ich an eine Erfolgsquote der Datingplattformen von deutlich unter 10%. Ich sehe es letztlich als legale Form der Abzocke - genauso wie die herkömmlichen realen Datingplattformen.
@ 5 Neous: Ich habe deine Hinweise wohl gelesen. Der erste Satz war es der mich zu meinem Kommentar bewog (Zitat):
“Sich damit rühmen, den Freund im Internet kennen gelernt zu haben ist nicht unbedingt toll…denke ich”.
Mir ging es eben darum, es nicht als Makel zu sehen, die Freundin oder den Freund im Netz kennengelernt zu haben. Das Anliegen heiligt in diesem Fall das aus meiner Sicht leider oft untaugliche (überteuerte) Mittel.
7 neous 6 August 2007 @ 5:48 pm
Sähe ich es als Makel, wäre das ein Widerspruch meiner selbst. Wie gesagt, dumm formuliert.
Vermutlich sollte es einfach nur sagen, dass oft das Internet als “das letzte Mittel” gesehen wird, wenn alles andere keinen Erfolg zeigte…dass dem nicht so ist, ist völlig logisch. Satz also bitte streichen!
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