Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 30. Juli 2007
Von Bier, Scheinheiligkeit und dem Platz im Leben
Ich warte an einer Bahnstation auf die Bahn, die erst in fünf Minuten kommen wird. Wie so oft ist das Vergnügen, das Glashäuschen für sich allein zu haben, nicht von langer Dauer. Denn von rechts nähert sich ein Mann in ziemlich abgerissener Kleidung. Er trägt in der einen Hand eine Flasche Kölsch und in der anderen Hand einen klirrenden Leinenbeutel, redet vor sich hin und stolpert genau auf mich zu.
„Junge Frau“, nuschelt er mir zu, „darf ich mich hier hinsetzen?“ Ich mache eine ausladende Handbewegung, die ihm zeigt, dass er sich einen der verbliebenen fünf Plätze aussuchen soll. Zielstrebig torkelt er auf den weitestentfernten Platz zu.
„Danke“, sagt er. „Die Leute haben das nicht so gerne, wenn ich mich neben die setze, weil ich immer so besoffen bin“, nuschelt er in meine Richtung.
Er brabbelt vor sich hin, trinkt aus der Flasche, setzt sie erst ab, als sie leer ist, um dann mit dem Flaschenhals direkt die nächste Bierflasche zu öffnen. Die leere Flasche verschwindet dann im klirrenden Leinensack. Zwei junge Mädchen in Miniröcken und Stiefeln flanieren am Glashäuschen vorbei. „Hui“, sagt er, „das sind aber mal heiße Feger.“ Dann seufzt er tief und fügt hinzu: „Aber ich bekomm solche Frauen nicht mehr, weil ich immer nur besoffen bin.“ Daran mag es liegen ja, vielleicht auch daran, dass er mindestens zwanzig Jahre älter ist.
Die Bahn fährt ein, wir steigen ins gleiche Abteil. Er nähert sich einem kleinen Jungen, neben dem noch ein Platz frei ist. „Junger Mann“, sagt er, „ist neben dir noch frei?“ Der Junge antwortet: „Nee, meine Mama ist am Fahrkartenautomaten und ich halte den Platz für sie frei.“ „Das verstehe ich“, sagt er und dreht sich herum, auf der Suche nach einem weiteren Platz. Dann beugt er sich zum Jungen herunter: „Dann geh ich jetzt da zu der Oma.“
Ein paar Reihen weiter sitzt eine Bilderbuchoma mit Pudelfrisur, Faltenrock und beiger Handtasche auf dem Schoß neben einem leeren Platz. Auf sie torkelt er nun zu: „Junge Frau, ist hier noch Platz?“ Die Oma steht auf, lässt ihn durch. Als er neben ihr sitzt, erreicht sie sein abgestandener Alkoholgeruch, sie verzieht kaum merklich die Mundwinkel. „Das ist aber nett, dass sie mich neben sich sitzen lassen. Meistens wollen die Menschen nicht, dass ich neben ihnen sitze, weil ich immer so betrunken bin.“
„Da haben Sie aber Recht! Da sagen sie was Wahres.“ Er öffnet eine neue Flasche Bier und streckt sie ihr entgegen. „Stoßen sie mit mir an! Da müssen wir drauf trinken.“
Entsetzt schaut sie ihn an: „Nein!“ Schnell rafft sie ihre Tüten zusammen und steht auf. Mit einem „Das ist ja ekelhaft. Widerlich!“ verlässt sie die Bahn.




7 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 30. Juli 2007”
1 neous 30 July 2007 @ 2:57 pm
Mh…ist das nun so pseudohöflich von der Oma? Oder ging das wirklich zu weit von ihm? Sie hätte ja auch freundlich “nein danke” sagen können, oder?
2 Ruwen 31 July 2007 @ 11:58 am
Gefällt mir die Geschichte. Sie hätte etwas schöner ausgehen können. Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert.
3 deeli 31 July 2007 @ 12:03 pm
danke ruwen. aber ich hab mir das ende ja nicht ausgedacht, sondern nur niedergeschrieben, was ich erlebt habe.
ausserdem finde ich gerade diese scheinheiligkeit der oma durchaus interessant.
4 Jana 31 July 2007 @ 12:05 pm
Tja, so lange es einen nicht selbst betrifft, kann man ja durchaus höflich sein - oder wie. Auf jeden Fall eine sehr interessante Beobachtung. Wie immer danke fürs Teilhabenlassen!
5 Ruwen 31 July 2007 @ 2:11 pm
Hey, und genau auf das schnöde Leben bezog sich das Wunschkonzert - nicht darauf, dass ich ein Happyend einfordere. Auch deswegen gefiel mir die Geschichte doch so gut
Ich sollte daran arbeiten, mich besser zu artikulieren.
(war wohl gerade der Server down)
6 deeli 31 July 2007 @ 2:24 pm
okay, dann verstehen wir uns ja..
7 Hagen 31 July 2007 @ 10:29 pm
Der Typ hat mit seiner beständigen Selbstanzeige ja durchaus was Amüsantes. Muss aber in Höflichkeitsfragen der älteren Dame großen Respekt zollen: Ich persönlich empfinde diese Art von Trinkern als hochgradig widerliche Zeitgenossen, die ich - so sie es nicht unmöglich machen - übersehe und - oft auch nötig - überrieche. Ein “Jeder hat einen Platz im Leben” ist da schon ein gnädiger Akt der Konversation, den ich ungemein entgegenkommend finde.
Leave a Reply