Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 21. Mai 2007

21. Mai – Von Erster-Klasse-Fahrten mit Sido und Heimkino

Als der Zug im Bahnhof einfährt, wird schnell klar: Das wird kein Zuckerschlecken. Der Zug ist gerammelt voll und auf dem Bahnsteig warten noch gefühlte Zehntausend. Es ist Sonntagabend, Heimreiseverkehr. Viele Koffer warten auf dem Bahnsteig und viele Radfahrer hoffen, einen Platz zu ergattern, der ihnen eine kräftezehrende Rückfahrt ersparen wird. Die Türen öffnen sich, doch kaum einer steigt aus. Dafür quetschen sich mehr und mehr Menschen traubenförmig durch die winzigen Türen. Ich finde einen Stehplatz am Eingang zum Erste-Klasse-Abteil.

Dort setzt sich eine ältere Dame in Nonnenkleidung mit einem glücklichen Seufzer auf einen Platz, nachdem sie ungefähr 3-mal die Platznummer mit der Nummer auf ihrer Reservierung verglichen hat. Außer ihr sitzt nur ein älterer, lesender Herr in diesem Abteil. Als der Zug anfährt, hört man zwei junge Mädchen. Sie wollen lieber ohne Ticket in der Ersten Klasse sitzen, als im überfüllten Zweite-Klasse-Abteil zu stehen. Sobald sie sitzen, beschallt Musik aus ihrem Handy das Abteil. Als Sido beginnt, über diverse Sexualpraktiken zu rappen, legt die Nonne ihr Buch aus der Hand und schließt die Augen, als ob sie sich vor der Welt verschließen möchte. Keine zwei Minuten später betritt ein junges Pärchen das Abteil und setzt sich auf die verbliebenen zwei Plätze. Augenblicklich holt er seinen Laptop aus seiner Tragetasche und startet ihn. Als der allbekannte Windows-Ton erklingt, schaut der ältere Herr irritiert herüber. Vielleicht dachte er, dass der junge Mann wohl vorhabe, am Rechner während der Zugfahrt zu arbeiten. Doch weit gefehlt. Zuerst erklingt Musik, dann Klatschen, dann ein Dialog. Es wird klar, dass die beiden ein Video schauen. Und zwar in voller Lautstärke. Nach zwei Minuten machen die beiden Mädchen ihre Handy-Raumbeschallanlage aus, oder besser, sie stecken sich ihre Ohrstöpsel in die Ohren. Nach vier Minuten legt der ältere Herr sein Buch an Seite, denn lesen ist bei dieser Beschallung nicht mehr möglich. Ich versuche an Hand des Dialogs zu erraten, um welchen Film es sich handelt. Als ein paar Minuten später ein zotiger Dialog beginnt, öffnet die Nonne ihre Augen und schaut das Pärchen durchdringend an. Diese lassen sich davon aber nicht stören. Die Nonne schließt ihre Augen erneut und legt ihre Hände gefaltet in ihren Schoß, als ob sie beten würde. In diesem Moment habe ich den Film erraten. Und dass, obwohl er gerade erst im Kino angelaufen ist.

Bei der nächsten Station erhebt sich der ältere Mann, packt seine Sachen ein und verlässt das Abteil mit den Worten: „Und für so was bezahlt man heute Erste-Klasse-Preise!“ Unbeachtet verlässt er das Abteil.

21 May 2007 | | don't impose - die höflichkeitskolumne | Comments

8 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 21. Mai 2007”

  1. 1 mel 22 May 2007 @ 7:34 pm

    Bleibt die Frage, warum bloß niemals jemand etwas sagt…und da nehm ich mich selbst nicht aus.

    Andererseits folgte meiner netten Nachfrage neulich, ob es den jungen Herren auch in leise gebe, ein kurzes Gespräch über die Definition von “laut”, zur Verabschiedung gekrönt mit den Worten “fette Sau!”.
    Tja…

  2. 2 Andreas 22 May 2007 @ 7:59 pm

    zugegeben. getraut etwas zu sagen habe ich mich bisher noch nie. aber mein zorniger blick hat einige male immerhin dazu geführt, dass es zumindest leiser wurde ;)

  3. 3 lela 23 May 2007 @ 2:03 pm

    Ich bin direkt froh, dass ich sowenig Bahn fahre. Ich habe aber auch schon festgestellt, dass es den meisten schlicht und einfach an den simpelsten Umgangsformen fehlt, nicht nur beim Bahnfahren. Ich bin immer wieder schockiert, wenn mir jemand auffällt, der sich gut benimmt, denn dann wird mir bewusst, wie sehr man sich schon an schlechtes Benehmen gewöhnt hat und mit welcher Selbstverständlichkeit so etwas toleriert wird. Ich plädiere für eine Absenkung dieser Schmerzgrenze und für besseres Benehmen. Vielleicht sind Kopfnoten in der Schule doch nicht die schlechteste Lösung.

  4. 4 Andreas 23 May 2007 @ 2:06 pm

    Nun, die Kopfnoten in der Schule sind in sofern fragwürdig, als dass sie in der Regel von einer Person beeinflusst werden. Und das ist viel zu subjektiv.

    Eine Art Höflichkeitsunterricht wäre da wahrscheinlich besser.
    Noch besser aber wäre, wenn Höflichkeit wieder als Wert von der Jugend anerkannt werden würde, und da sind die Medien gefragt. Und die Eltern. Und …

  5. 5 MadActor 24 May 2007 @ 1:20 am

    Den Vorschlag von einer Art “Höflichkeits-” bzw. “Kniggeunterricht” finde ich schon nicht übel. Man muss ja nicht das extremste Die Frahe ist jedoch, inwiefern das was bringt. Ich meine, im Bio-Unterricht hat man mir damals auch beigebracht, das Rauchen ungesund sei ;-)
    Tatsächlich hab ich in einer Bahn allerdings mal erlebt, dass ein “Handy-Laut-Hörer” mit Styler-Iro von seinem Platz aufstand und eine ältere Dame ganz von selbst seinen Platz angeboten hat. Es scheint also Unterschiede in der Auffassung von “Höflichkeit” bei einigen Personen zu geben. Den besterzogensten Yuppie hingegen sehe ich da noch auf seinen Laptop starren und die Dame ignorieren…

  6. 6 MadActor 24 May 2007 @ 1:23 am

    ouch…ich sollte meine Comments um die Uhrzeit nochmal auf Tippfehler überprüfen: ich meinte: man sollte ja nicht gleich das Extremste aus dem Knigge lehren.

    Und: eineR ältereN Dame seinen Platz usw.

    Sorry. Mein Gehirn ist Matsche

  7. 7 lela 24 May 2007 @ 1:52 pm

    @Andreas: Stimmt, Kopfnoten sind sehr von der Lehrperson abhängig. Auf der anderen Seite scheint es aber immer schwerer zu sein, den Kindern beizubringen, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat. Und das betrifft nicht nur die Umgangsformen. Höflichkeit als etwas zu betrachten, das von außen eingegeben wird und nicht dem Respekt anderen Menschen gegenüber entspringt, scheint jedoch auch auch keine Lösung zu sein. Was ist da der richtige Weg? Ich weiß ihn nicht. Von klein auf konsequent ein respektvolles Verhalten gegenüber anderen Menschen vorzuleben scheint da der beste Weg zu sein, nur eben nicht der bequemste. Und ich denke, viele bringen die Voraussetzungen dafür schon nicht mehr mit. Was für ein Dilemma.

  8. 8 mel 27 May 2007 @ 7:03 pm

    @ lela
    …wenn Du wüsstest, wie Recht Du hast! Täglich sehe ich junge Menschen, die sich - gemäß ihres Alters - durch Jugendsprache abgrenzen und genau diese Grenzen doch oftmals überschreiten.
    Da kann ich nur hoffen, dass mein Idealismus niemals gänzlich flöten geht, denn sonst wird es schwierig sein, diese jungen Menschen zu dem zu erziehen, was wir alle von ihnen gerne sehen würden…

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