Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 23. April 2007

23. April – Telefonlangeweile


Es ist ein schöner Frühsommerabend und um die warme Luft noch etwas zu genießen, treffe ich mich mit einem Freund in einem nahe gelegenen Biergarten.
Bald schon steht ein kühles Kölsch vor uns. Wir beginnen mit der Unterhaltung, haben uns viel zu erzählen, da wir uns schon länger nicht mehr gesehen haben.
Plötzlich sagt er: „Oh, ich hab vergessen: Der Peter hat ja heute Geburtstag.“ Dann nippt er kurz an seinem Bier und sagt: „Warte, ich rufe kurz mal durch. Dauert auch nicht lange…“
Und dann geht es los. Das Hallo-Peter-Herzlichen-Glückwunsch-Gespräch.
Ich schau mich währenddessen im Biergarten um. Ein kleiner Junge flitzt mit seinem Roller kreuz und quer durch die Gänge.  Ein Schäferhund jagt einem roten Ball hinterher. „Und, was machst du sonst so?“ Der Kellner bedient die Gäste am Nebentisch. „Du hast Muskelkater im Arm? Wie macht man das denn?“ Dann lacht er laut ins Telefon. Der Junge ist hingefallen und brüllt. Die Mutter kommt angerannt. Mit Sanitätertasche, wie beim Fußball. „Beim Dart? Wie holt man sich nen Muskelkater beim Dart?“

Eine Oma schiebt ihr Wägelchen durch den Biergarten. Unser Tischnachbar holt sich ein belegtes Ciabatta von der Essensausgabe. „Junge, du bist auch nicht mehr der Jüngste! Und sonst? Was macht die Arbeit?“
Eine Gruppe schlecht gekleideter junger Männer betritt den Biergarten. „Ach, du willst kündigen? Erzähl…“
Das kann sich ja nur noch um Stunden handeln. Ich bin gelangweilt. Langsam artet das in Unhöflichkeit aus.

Ach, das Schnitzel, welches der Kellner nun durch die Gegend trägt, sieht aber auch super aus.  Ein bisschen Hunger hätte ich ja auch. Da schau her, der Mann da hinten, spielt der nicht in so einer RTL-Serie mit?
Der Hund jagt immer noch dem roten Ball nach, der kleine Junge heult nicht mehr. Dafür ziert sein Knie jetzt ein buntes Pflaster.

Nun wird es mir wirklich zu langweilig. Ich hole die Zeitung aus meiner Tasche und beginne zu lesen. Und? Was passiert?  „Du Peter, ich muss Schluss machen. Meine Begleitung ist so gelangweilt, dass sie schon anfängt, Zeitung zu lesen…“

23 April 2007 | | don't impose - die höflichkeitskolumne | Comments

2 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 23. April 2007”

  1. 1 lela 23 April 2007 @ 1:40 pm

    Hätte ich bei dem dreinierigen Date auch mal machen sollen. Aber wie schade, dass manche sich ihrer Unhöflichkeit erst bewusst werden, wenn man selber zu einer Unhöflichkeit greift. Quid pro Quo.

  2. 2 Andreas 23 April 2007 @ 9:00 pm

    Suuuuuper. gefällt mir ;)

    erinnere mich …

    … wir sitzen in einem cafe, langweilen uns, trinken unsere bierchen.
    am Tisch nebenan sitzt ein Pärchen - wobei, ob es ein Pärchen war, ist nicht klar, denn:
    Er sitzt, und guckt total gedemütigt aus der Wäsche, während sie telefoniert. Sie hat telefoniert als wir ankamen, und hat damit, bis wir 2 stunden später gegangen sind, nicht aufgehört.
    Respekt, soviel Geduld hätte ich wahrscheinlich nicht gehabt.

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