Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 2. April 2007
2. April – Gastgeberhöflichkeit
Es ist viertel vor sieben. Um sieben erwarten die beiden ein befreundetes Pärchen zum Abendessen. Sie steht schon seit zwei Stunden in der Küche, er kommt gerade von der Arbeit nach Hause gehetzt. Bereits als er die Wohnungstür öffnet, schallt es ihm entgegen: „Ach, der Herr begibt sich auch einmal nach Hause!“ Er verzieht nur schnell die Mundwinkel. „Hallo Liebes. Tut mir leid, dass es im Büro später geworden ist.“ Während er sich umzieht und sie in der Nudelsauce rührt, geht ihre Nörgelei weiter. „Es ist doch nur so spät geworden, weil du dich nicht von der Sekretärin lösen konntest.“ Stoisches Schweigen auf seiner Seite. Weil sie merkt, dass sie mit dieser Taktik nicht weiterkommt, schlägt sie schnell eine andere Richtung ein. „ Du kommst nur so spät, damit du mir nicht helfen musst. Für dich ist das alles hier nicht wichtig!“ Seine Antwort wird von der Türklingel unterbrochen. Die Freunde sind da. Er atmet auf, denkt, dass das nun die Situation entschärfe. Aber weit gefehlt.
Kaum sitzen die Gäste am Tisch, schlägt die Königin aus Passiv-Aggressivistan weiter zu. „Meinst du, du könntest dich einmal dazu bewegen, den Wein zu holen?“ „Christian, könntest du bitte einmal eine etwas angenehmere Musik einschalten? Das magst du ja vielleicht hören, wenn du mit den Jungs ausgehst, aber für ein gesittetes Abendessen ist das doch sicher nicht das Richtige.“ „Och Christian, musst du immer auf die Tischdecke kleckern? Und wer muss das wieder ausbügeln? Du bestimmt nicht.“
Freundin Anna fühlt sich schon sichtlich unwohl. Sie rutscht auf ihrem Stuhl hin und her. Ihr Freund Paul sucht immer wieder Augenkontakt mit ihr. Das Gespräch stockt. Denn immer, wenn es gerade in Gang kommt, wird es von ihr unterbrochen. „Meinst du nicht, du hast jetzt genug nachgesalzen?“ Er hingegen steckt jeden ihrer Schläge ein, ohne Gegenwehr. Kein Angriff von ihm in ihre Richtung. Er bemüht sich, es für die Gäste nicht so unangenehm zu machen. Doch es gelingt ihm nicht, ist doch die unterschwellige Spannung nicht wirklich unterschwellig, sondern fast körperlich greifbar. Das Unwohlsein der Gäste ist auch unverhohlen zur Schau gestellt. Anna rutscht immer noch auf der Sitzfläche hin und her, Paul sieht andauernd auf seine Armbanduhr. Sie halten beinahe krampfhaft Blickkontakt. Das Essen wird beinahe in Rekordzeit hinter sich gebracht. Mit einer fadenscheinigen Ausrede von Anna verabschieden sich die Beiden: „Es tut mir leid, aber ich fühle mich nicht gut. Ich würde gerne früh ins Bett gehen.“ Paul schiebt noch ein „Das Essen war wirklich wunderbar, danke, aber wir müssen jetzt wirklich gehen“ hinterher, und innerhalb von 5 Minuten nach dem Dessert sind die Beiden wieder alleine. „Danke“, sagt er. „Das hast du ja wirklich toll hinbekommen.“




2 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 2. April 2007”
1 antidepressiv 2 April 2007 @ 8:17 pm
Also dazu fiel mir grad nur eins ein: Was für eine Zicke!
2 mel 3 April 2007 @ 10:38 am
So einer Situation durfte ich kürzlich auch beiwohnen. Allerdings wurde dieser nicht nachvollziehbaren Zickerei mit den passenden Kommentaren seitens des Mannes begegnet. Hoher Unterhaltungswert für alle Anwesenden!
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