Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 19. März 2007
19. März – Bettlerhöflichkeit
Die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Ich ziehe mir bloß schnell eine Jacke über und sprinte noch einmal aus dem Haus, um die fertig geschleuderte Wäsche aus dem Waschsalon abzuholen. Nachdem die Wäsche eingepackt ist, verlasse ich den Waschsalon und mach mich wieder auf den Weg nach Hause. Doch kaum bin ich auf der Strasse, spricht mich jemand an. „Junges Mädchen…“
„Hast du mal nen Euro für ein Stück Pizza? Ich hab schon soo lange nichts mehr gegessen!“ - „Nein, tut mir leid“, antworte ich. „Ich hab leider gar kein Geld dabei.“
Das ist nicht gelogen, wollte ich doch nur die Wäsche abholen. Ich versuche ein paar Schritte zu gehen, doch er lässt sich nicht abwimmeln, folgt mir einfach.
„Hast du denn ne Zigarette für mich?“ - „Nein, ich rauche nicht.“
Noch ein paar Schritte, noch ein Versuch. „Hast du denn was zu essen für mich in deiner Tasche?“ – „Nein, tut mir leid, ich war nur meine Wäsche im Waschsalon abholen.“ Ich gehe noch ein paar Schritte, er ist immer noch neben mir. Doch sein Gesicht verzieht sich jetzt vor Wut. Er geifert mich an: „Du hältst dich wohl für was Besseres. Du meinst wohl, dir gehört die Welt was, dumme Schlampe.“ Darauf folgen noch etliche andere unflätige Bemerkungen.
Ich schaue ihn entsetzt an, dann nehme ich meine Beine in die Hand und sehe zu, dass ich mich von ihm entferne. Über die ganze Straße brüllt er mir hinterher: „Leute wie dich sollte man erschießen!
Ich eile in meine Wohnung. Dort angekommen muss ich erst einmal tief durchatmen.
Ich habe nur versucht zu ihm freundlich zu sein und nicht direkt die Flucht zu ergreifen, wie es täglich so viele tun. Ich dachte, dass er wenigstens eine höfliche und freundliche Antwort verdient hat. Aber was war das denn? Kann man Mildtätigkeit erzwingen? Langsam verstehe ich, warum so viele Menschen offenen Auges einfach weiterlaufen…




3 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 19. März 2007”
1 neous 20 March 2007 @ 5:12 pm
Der Grad zwischen freundlich sein und unhöflich werden - auf deiner Seite - ist schon schwierig genug zu überbrücken. Aber von der anderen Seite dann so etwas ernten ist traurig und führt nur dazu, noch weniger Freundlichkeit zu zeigen…
Ich finde, dass du dir keiner Schuld oder Vorwürfe bewusst sein musst!
2 Lela 21 March 2007 @ 11:07 am
Ich fühle mich in die Zeit kurz vor Weihnachten zurückversetzt. Ich ging Weihnachtsgeschenke einkaufen, haderte mit meinem Kontostand und wünschte mir, meinen Lieben andere Geschenke kaufen zu können. Auf dem Weg zu einem der großen Kaufhäuser hier in Köln sah ich einen Obdachlosen am Rand der Fußgängerzone sitzen, im Vorbeilaufen bemerkte ich mit Entsetzen, dass dieser Mann Mitte Dezember noch nicht einmal Socken trug. Auf einmal kam ich mir wieder reich und glücklich und mit sehr, sehr kleinen Sorgen belastet vor, und als im Kaufhaus auch noch dicke Wollsocken reduziert waren, kaufte ich kurzentschlossen ein Paar, um sie dem Mann zu geben. Wieder auf der Straße ging ich zurück zu dem Platz, an dem der Mann gesessen hatte. Von weitem schon hörte ich, wie er einem Passanten, der ihm eine milde Gabe verweigert hatte, unflätige Bemerkungen hinterherrief. Wieder war ich entsetzt: Und so jemandem kaufst Du Socken, dachte ich. Was tun?
Ich hab sie ihm gegeben, was soll ich schließlich auch mit Wollsocken in Größe 42-46?
Soll nicht heißen, dass ich so ein Verhalten unterstützen wollte, aber die Socken waren nun mal gekauft. Und gratis gabs die Erkenntnis dazu, dass auch ich dazu neige, mein Mitleid und meine Großzügigkeit vom Benehmen meines Gegenübers abhängig mache.
Trotzdem: Beschimpfen lässt sich niemand gerne und in Deiner Situation hätte ich vermutlich schon viel früher die Flucht ergriffen. Nimm es Dir nicht zu Herzen!
3 Chris 21 March 2007 @ 11:55 pm
Dieser Text auf einem Plakat, darüber der Slogan “Alltag in Köln 2007″ - das wäre die beste Wahlwerbung für Günter Beckstein, die es gibt.
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