Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 26. Februar 2007

Mein Nachbar ist Sherlock Holmes

In der Kleinstadt herrscht eine trügerische Nachbarschaftsidylle. Man lebt so nebenher, grüsst freundlich, geht seinen Weg und wenn man nett gefragt wird, gießt man für die Nachbarn die Blumen, wenn diese im Urlaub sind. Das heißt natürlich nicht, dass die Nachbarn nicht über alles Bescheid wissen.

Man trifft sich täglich, auf der Straße, in der Schlange im Supermarkt, beim Gottesdienst. Ihr Leben wird dominiert von Neugier gepaart mit Spionagewahn, man könnte schließlich etwas wirklich Wichtiges verpassen. Wenn im eigenen Leben  eher Forsthaus Falkenau angesagt ist als James Bond, ist es schon spannend zu wissen, von wem Tochter X letzten Abend nach Hause gebracht worden ist.
Die Gardine im Küchenfenster, das zur Straße hinausgeht, ist vorsorglich nur halbhoch oder zur Seite geschoben, so dass jederzeit der Blick auf die Straße frei ist und man alles, wirklich alles beobachten kann, was da vorgeht. Wer den alten Herrn Y besucht, ob sie Blumen dabei haben. Oder ob sie etwa glücklich aussehen, sobald sich die Haustür hinter ihnen schließt.
Natürlich spülen die Nachbarn eigentlich. Oder kochen Kaffee. Oder putzen die Fenster, auch zu den unmöglichsten Zeiten. Schließlich muss ja auch am heiligen Sonntag alles blitzen.
Da wird das Auto gewaschen, aus Versehen auf das neue Auto der Nachbarn M gespritzt. So hat man eine Ausrede, um mit einem Tuch bewaffnet, den Fleck wegzureiben und dabei einen prüfenden Blick auf den Tacho zu werfen. Aha. Kein Neuwagen!

Es gibt auch diese Art von Nachbarn, die irgendwie andauernd Müll nach draußen bringen. Da wird schon mal ein Würstchenglas bis zum Glascontainer getragen, da man von da besser in das Wohnzimmer von Familie G schauen kann.
Familie P hat sich den Garten neu gestalten lassen. Mit natürlichem Sichtschutz, damit man auch einmal Ruhe vor den Nachbarn hat. Doch das scheint die Nachbarn nur noch mehr anzuziehen, wie Motten das Licht. Wo etwas verdeckt wird, da gibt’s doch was zu verstecken?
Die Eltern P verlassen das Haus, die Tochter bleibt allein im Wohnzimmer. Auf einmal bemerkt sie einen Schatten, der durch das Fenster fällt. Es ist Nachbar R. Er steht mitten im Garten und guckt sich prüfend um.
Die Tochter steht auf, öffnet die Terrassentür. „Kommen Sie doch rein, sie brauchen doch nicht hier draußen stehen!“ Es ist ihm unangenehm. Sichtlich unwohl dreht und wendet er sich, murmelt etwas von „dachte, es ist niemand da“ und „wollte mir nur den Garten anschauen“. Sie grinst. „Wollen Sie mit Fernsehen gucken? Sind noch Chips da!“ Jetzt wird es ihm zuviel. Er schüttelt eilig den Kopf und verlässt den Garten.
Wer braucht Spione, wenn er Nachbarn hat?

 

26 February 2007 | | don't impose - die höflichkeitskolumne | Comments

5 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 26. Februar 2007”

  1. 1 Andreas 26 February 2007 @ 9:23 pm

    super.
    der nachbar meiner eltern mäht immer, wenn meine eltern besuch haben, den rasen extra 4 mal - dies erlaubt ihm in die küche / auf den garten blick zu haben …

  2. 2 Wasserhexe 27 February 2007 @ 4:50 pm

    Erinnert mich schwer an Familie Witte… die wissen ja auch, ob jemand Papier in die Gelbe Tonne geworfen hat oder wessen Fahrrad auf dem heiligen Rasen (der Wiese vorm Haus) steht! Extrem nervig!

  3. 3 Chris 28 February 2007 @ 1:35 am

    Das Verhalten deines Nachbarn läßt mich fast vermuten, dass er mal beim MfS war… kann es sein, dass er erst nach 1989 zu euch in die Nachbarschaft gezogen ist und/oder seine Kinder Namen tragen wie Doreen, Kathleen, Sandy, Mandy (wenn weiblich) bzw. René, Maik oder Ronny?

    :-)

  4. 4 antidepressiv 28 February 2007 @ 7:57 pm

    MfS? Es muss schön sein, wenn man sich mit derartigen Vorurteilen schmücken kann… Auf der einen Seite immer dieses Stasi-Gejammer, auf der anderen Seite diese Ich-hab-nix-zu-verbergen-Mentalität. Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung, geplante Online-Durchsuchungen… Ja SO muss eine echte Demokratie aussehen!

  5. 5 lela 5 March 2007 @ 9:19 am

    Leute, Leute. Neugierige Nachbarn gibt’s überall. Sogar gratis. Und die wenigsten befriedigen damit andere Gelüste als Sensationsgeilheit oder verschaffen sich irgendeinen Vorteil (vielleicht den Wissensvorsprung über den neuen Garten der Nachbarn). Na ja, ein paar vielleicht. Aber die stehen wohl auf einem anderen Blatt.

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