Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 19. Februar 2007

Kapitänsabfuhr

Sie steht am Tresen und stellt ihr Bierglas kurz ab. Ihr Blick hebt sich, schweift im Raum umher. Um sie herum feiern Clowns, Piraten und Meerjungfrauen Karneval. Die Stimmung ist mehr als feucht-fröhlich, die Menge grölt „Viva Colonia“ und „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hätt Doosch“. Sie steht allein, denn ihre Freundin versucht sich zur Toilette durchzudrängeln. Ein Kapitän bahnt sich den Weg zum Tresen, sucht immer wieder Augenkontakt zu ihr. Zwinkert ihr zu, lächelt freundlich.

Irgendwann dann steht er neben ihr. Sie riecht seinen Alkoholpegel schon aus einem halben Meter Entfernung, was schon eine Kunst ist, in einer prall gefüllten Karnevalskneipe. Er haucht ihr seinen Kleiner-Feigling-Atem ins Gesicht. „Na, Zuckerpüppchen. Ganz alleine hier?“ Er ist ihr unangenehm. „Nein, meine Freundin ist auf Toilette.“ Er grinst anzüglich. „Oh, ist die auch so heiß wie du?“
Sie schluckt und denkt: „Wie wird ich den bloß wieder los?“

Er tatscht ihr auf den Po. „Diese Lederhose macht deinen Po richtig knackig. Nicht dass der ohne Hose nicht auch bestimmt knackig ist…“
Sie nimmt seine Hand weg und legt sie bestimmt auf den Tresen. Wo bleibt bloß die Freundin?  Warum rettet mich niemand, denkt sie.
Nun legt er seinen Arm um sie. „Und Süße, was machst du heute Abend noch so?“
Ihre Antworten werden immer kürzer. „Wir gehen noch zu meiner Freundin“, sagt sie, anstatt die Wahrheit zu sagen. Interessiert ihn ja nicht, dass wir noch in die Altstadt wollen, nachher kommt der noch auf die Idee mitzugehen.

„Willst du nicht mit zu mir kommen? Dann machen wir uns noch nen schönen Abend“, lacht er sie an. „Nein danke, kein Interesse!“, sagt sie freundlich aber bestimmt. „Aber warum denn nicht? Du weißt gar nicht, was du verpasst. Ich hab es echt drauf, Süße!“
Schon allein bei dem Gedanken daran dreht sich ihr der Magen um. Warum nur geht er nicht endlich. Was muss sie denn noch sagen, damit er versteht, dass sie ihn nicht will?

„Hast du denn Lust hier etwas zu knutschen?“, sagt er und drückt ihr gleichzeitig einen Kuss auf die Wange. Sie weicht zurück. „Nein, auch das nicht. Such dir eine andere. Vielleicht will ja jemand anders.“ „Aber Süße, ich will doch dich!“

Wann zum Teufel kommt denn die Freundin wieder? Sie ist doch jetzt schon Ewigkeiten weg. Das kann doch nicht mehr lange dauern.
Richtig, jetzt kann sie sie aus den Augenwinkeln auf sich zukommen sehen.
Auch der Kapitän hat sie erblickt. „Ach, noch so ne süße Schnitte.“
Sie verdreht die Augen, macht ihrer Freundin verständlich, dass sie von ihm genervt ist. „Dann kommt doch zu zweit mit zu mir. Mit euch Mädels hätte ich sicher Spaß. Nen flotten Dreier. Na, wie wär das?“

Ihr fehlen die Worte. Aber ihrer Freundin nicht. „Verpiss dich, Alter. Lass uns in Ruhe. Wir wollen dich nicht. Geh, hau ab!“
Die Botschaft scheint er verstanden zu haben. Wortlos dreht er sich um und geht.
Manchmal kommt man mit Höflichkeit halt nicht weiter.

 

19 February 2007 | | don't impose - die höflichkeitskolumne | Comments

2 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 19. Februar 2007”

  1. 1 Hith 19 February 2007 @ 4:15 pm

    … und manchmal kommen solche typen sogar ans ziel … traurig, traurig.

  2. 2 mel 20 February 2007 @ 3:36 am

    …nein, manchmal findet man sich einfach solchen Vollpfosten gegenüber, die augenscheinlich immun gegen jedwede Form von Höflichkeit sind.

    Danke für den Kommentar by the way. Der bedeutet mir was ;-)

Leave a Reply

  1.  
  2.  
  3.  

Navigation

Kategorien

don't impose

Meta

email abo

  • Wenn Ihr die Beiträge dieses Blogs als Mailing bekommen wollt, tragt hier einfach eure Mailadresse ein und klickt auf Eintragen

Archiv

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de blog-o-rama.de Blogverzeichnis
Egoload - Engagierter Idealist