Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 12. Februar 2007

Käsekuchen-Verkupplung

 Sie stellt einen Aperitif auf den Couchtisch. „Schön, dass du vorbeigekommen bist zu diesem kleinen ungeplanten Essen“, sagt sie. Ungeplant, dafür sieht sie ganz schön herausgeputzt aus. Das Esszimmer strahlt, das beste Porzellan ist aufgedeckt. Ganz schön viel Aufwand für ein Essen bei Freunden. „Willst du heute Abend vorbeikommen? Wir wollten was Leckeres kochen und gemütlich was quatschen.“

Schnell habe ich zugesagt, mir keine weiteren Gedanken über den Abend gemacht. Damit gerechnet, das vielleicht etwas anderes als ein unkomplizierter Abend auf mich zukommen könnte, habe ich nicht. Aber meine Freunde haben noch eine Überraschung für mich. Sie haben nämlich den Arbeitskollegen von ihm auch zum Essen eingeladen. „Der wär’ was für dich“, raunt sie mir in einem unbemerkten Moment zu. Von da an überschlagen sich die Gastgeber geradezu, die Vorzüge der beiden zu Verkuppelnden zur Geltung zu bringen. „Tom, erzähl doch mal von deinem neuen Auto!“ „Beruflich läuft es grad auch ziemlich gut, was?“
Und dann zu mir gewandt: „Weißt du, Tom macht gerade ziemlich Karriere. Aus dem wird bestimmt mal was richtig Großes!“
Schön. Das freut mich für Tom. Doch zu früh gefreut. Schließlich werden auf einem Bazar beide Seiten verhandelt. Also stehen nun meine Vorzüge zur Debatte. „Weißt du Tom, der Käsekuchen von ihr, der ist klasse. Sie hat den letztes Mal zur Party von Maik mitgebracht. Ich sag dir, super! Und finde heute mal noch ne Frau, die so was drauf hat. Sofort heiraten, sag ich dir!“
Da freut man sich, dass man auf seine Hausfrauenqualitäten zurückreduziert wird. Es liegt mir auf der Zunge zu sagen: „Ihr solltet erst mal sehen, wie toll ich Staub wischen kann. Oder Fensterputzen. Oder wie ich Hemden bügeln kann. Eins A.“
Natürlich sage ich das nicht. Stattdessen entschuldige ich mich kurz, schiebe einen Toilettenbesuch vor. Nachdem die Tür hinter mir geschlossen ist, atme ich tief durch.
Flucht, ist mein einziger Gedanke. Diese Verkupplungsaktion ist mir derart zuwider, dass ich am liebsten durch das Toilettenfenster klettern würde und heimlich abhauen würde.
Aber nein. Ich atme tief durch und betrete wieder das Esszimmer. Schweigend drehen sich mir alle Blicke zu. Sowohl ihre Hoffnungen als auch ihre Bemühungen haben meine Höflichkeit verdient. Und so pack ich all meinen Mut und sage: „Es ist lieb von euch, dass ihr mich verkuppeln wollt. Und Tom, du scheinst ein netter Kerl zu sein. Aber wir sind hier nicht auf einem Bazar und ich kann und will mir meinen zukünftigen Ehemann selber aussuchen. Und wenn der mich dann wegen meines Käsekuchen heiraten wird, dann soll das so sein. Vielleicht allerdings auch dafür, dass ich gerade nicht aus dem Toilettenfenster abgehauen bin.“

 

12 February 2007 | | don't impose - die höflichkeitskolumne | Comments

3 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 12. Februar 2007”

  1. 1 mel 12 February 2007 @ 5:32 pm

    Chapeau! Ich befürchte ich hätte diesen Abend einfach irgendwie über mich ergehen lassen und mich anschließend arg echauffiert…nur wahrscheinlich nicht die Größe besessen, die Sache auf den Punkt zu bringen.
    Jaja, Freunde…die meinen es ja nur gut ;-)

  2. 2 neous 12 February 2007 @ 9:43 pm

    Ich hätte mich eher gekugelt vor Lachen ob dieser Sinnlosigkeit. Weiß aber doch nicht genau, ob ich so “cool” gewesen wäre…hätte wahrscheinlich eher die Flucht angetreten - direkt nach vorn.

  3. 3 Andreas 13 February 2007 @ 12:45 am

    Köstlich! :-)

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