Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 5. Februar 2007

Großstadtindianer-Platzverhalten

Der moderne Indianer gibt keine Rauchzeichen mehr. Gut, mit dem Jagen hat er wohl nie aufgehört, nur das Objekt seiner Begierde hat sich gewandelt. Heute jagt er den besten Parkplatz, den besten Tisch im Restaurant, das billigste Schnäppchen.
Aber woran erkennt man den modernen Gr0ßstadtindianer?
Am eindeutigsten zeigt er sich in überfüllten Kneipen, Bistros und Restaurants.
Mit Habichtsblick überblickt er das jeweilige Etablissement während er sich noch im Eingangsbereich aufhält. Nun, Pech gehabt, nichts frei. Also stellt er sich mit seinem Anhang entweder in einen Wartebereich oder an die Theke. Unablässig kreist nun der Habichtsblick über den Anwesenden.

Das Verhalten kennen wir von Parkplätzen, auf denen seltsame graue Autos herumkurven, direkt vor einem das Fenster runterkurbeln und fragen: „Fahren Sie?“ Jedesmal wenn man diese Frage verneint, bekommt man ein Gesicht zu sehen, als wäre man persönlich schuld an allem Elend dieser Erde.

An einem Platz im Café macht man Anstalten zu gehen. Blitzschnell hat der Indianer die Situation erfasst, als der Kellner die Rechnung zu dem Tisch bringt. In diesem Moment steht er auf und verlässt seinen Platz. Er stellt sich neben den Tisch, an dem noch die anderen Gäste sitzen. Hatten sie eventuell noch vor, ein paar Minuten sitzen zu bleiben, wird ihnen das nun verleidet, schließlich stehen nun schon die neuen Platzanwärter um sie herum. Was soll man da denn groß anderes tun als aufstehen? Also steht man auf, zieht seine Jacke an und sucht seine Siebensachen zusammen. Aber man hat das Gefühl, das man noch nicht ganz aufgestanden ist, als der Großstadtindianer schon auf dem vorgewärmten Platz sitzt.
Triumphierend, schließlich hat er und nur er dafür gesorgt, dass sein Anhang nun einen Platz hat und dass niemand ihm den Platz noch vor der Nase weggeschnappt hat.


Dieses System wendet er immer und überall an. Vielleicht sieht er gar nicht, wie sehr er andere Menschen in ihrem Freiraum beschneidet?
So passierte es mir an einem Kopiergerät der Universität: Ich musste circa 50 Seiten kopieren. Drei Seiten vor Ende treten zwei Frauen an meine Seite. Ich kopiere zu Ende, lege das Buch zusammen. Hätte ich noch mehr kopieren wollen, hätte ich jedoch nicht die Chance dazu gehabt. Denn noch bevor ich meine Kopierkarte entfernt hatte, hatten sie bereits das Gerät mit den Worten in Beschlag gelegt: „Sie sind ja jetzt fertig! Sie haben schließlich lange genug kopiert!“
Völlig entgeistert schaute ich in ein Gesicht, dass vermuten ließ, dass ich gefühlte zehn Stunden kopiert hätte, nur um sie persönlich zu ärgern. Dieser Großstadtindianer-Drang ist ja gut und schön. Aber irgendwo hat er auch seine Grenzen. Spätestens wenn ich von einer sonnigen Bank im Park geschubst werde mit den Worten: „Sie sitzen hier schon eine halbe Stunde, jetzt sind wir dran!“

5 February 2007 | | don't impose - die höflichkeitskolumne | Comments

One Response to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 5. Februar 2007”

  1. 1 Wasserhexe 6 February 2007 @ 3:56 pm

    Na das können wir ja nicht so auf uns sitzen lassen! Aber vielleicht liegen die mangelnden Kommentare einfach daran, dass wir dir einfach zustimmen!?!
    Obwohl ich für meinen Teil gestehen muss, dass auch ich manchmal zum Indianer mutiere! Allerdings doch recht selten!

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