Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 29. Januar 2007
Was ich gar nicht wissen will
Warum nur meinen manche Menschen, sie müssten ihre Lebensgeschichte mit allen dreckigen und privaten Momenten jedem erzählen? Es gibt Dinge, die würde ich lieber nicht hören. Momente, in denen ich lieber ein Hund wäre, der seine Ohren einklappen kann. Aber meistens passiert es in Situationen, in denen man nicht einfach gehen kann, nicht einfach sich der Situation entziehen. Und das nutzen diese Menschen gnadenlos aus.
Klassische Standartsituation ist das Wartezimmer. Ich warte in einem recht übersichtlichen Räumchen, gefangen mit ein paar Mitmenschen. Sobald drei Menschen dieses Räumchen bevölkern, mich eingeschlossen, findet ein Gespräch statt.
„Und warum sind Sie hier?“ Ich persönlich sehe keine Notwendigkeit, irgendeinem Fremden zu erzählen, warum ich einen Arzt aufsuche. Andere anscheinend schon. Und so höre ich dann nicht sehr appetitliche Einzelheiten einer Magendarmgrippe.
Muss das sein? Das will doch niemand hören!
So etwas passiert nicht nur bei Fremden, nein, bei Bekannten liegt die Hemmschwelle anscheinend noch niedriger, solche Details preiszugeben. So bei Bekannten von mir. Ich besuche sie, sie haben sich einen Hundewelpen zugelegt. Wir Frauen trinken Kaffee, essen ein Stück Kuchen. Der Mann kommt von einem Spaziergang mit dem Hund herein. „Uuuuund?“, fragt die Frau. „Hat er einen schönen festen Haufen gemacht?“ Ich stelle meine Kaffeetasse hin und schlucke. „Nein“, antwortet der Mann. „So richtig fest war es nicht, eher flüssig.“ Danke. Ich lege meine Kuchengabel auch weg. Wollte ich das etwa hören?
Der Hinweis „Wir essen gerade!“ bringt auch nur kurzzeitige Linderung.
Auch ein anderer Freund denkt, dass zu einer Freundschaft gehört, dass man sich alles sagen kann. Und so erzählt er mir dann in allen unappetitlichen Einzelheiten die Etappen seiner letzten Darmspiegelung. Das will ich nicht hören und das muss ich nicht hören. Bei Freunden kann man das immerhin sagen. Doch bei Fremden?
Eine Freundin erzählt mir von einer denkwürdigen ersten Verabredung mit einem Mann. Das Gespräch beginnt schleppend. Er versucht es mit ein paar persönlichen Details aufzumuntern: „Also, ich sag es gleich, ich habe drei Nieren, das ist sozusagen eine Mutation. Nicht schlimm, allerdings zwingt es mich sehr häufig die Toilette aufzusuchen. Ich wollte dir das nur sagen, nicht dass du dich wunderst, warum ich alle Viertelstunde den Tisch verlasse“.
Was bringt den Mann dazu, von sich aus solche meiner Meinung nach recht intimen Details herumzuposaunen?
Es ist nicht höflich, andere in die Verlegenheit zu bringen, in die sie geraten, wenn sie solche Dinge hören. Denn wie bitte soll man sich verhalten?
Im Wartezimmer ist das noch recht einfach, man muss nur so tun, als hätte man nichts gehört. Meine Freundin allerdings konnte nicht so tun, als hätte sie nichts gehört, schließlich erwartete ihre Verabredung ja zumindest irgendeine Reaktion. „Mmmh okay“, murmelte sie in ihren nicht vorhandenen Bart. Aber die Konsequenzen zog sie. Sie wird ihn nicht noch einmal treffen. Denn was er ihr bei einer weiteren Verabredung erzählen würde, das wollen wir uns nicht einmal im Traum ausmalen.




3 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 29. Januar 2007”
1 lela 29 January 2007 @ 11:12 pm
Danke! Sprichst mir aus der Seele.
2 Andreas 30 January 2007 @ 12:40 am
irgendwie ist mir das mit dem kaffee und dem haufen so nicht aufgefallen - aber ich erinnere mich da an eine farbe die ich in dem kontext gesehen habe - angenehm war sie nicht.
ich kommentiere sowas meist mit “das waren deutlich mehr details als ich gewollt habe”.
3 mel 30 January 2007 @ 1:55 am
Danke!
Zu komplettieren wäre das Ganze noch mit Gesprächen über sexuelle Vorlieben beim wirklich allerersten Telefonat…Ich erspare an dieser Stelle weitere Details, denn DAS wollen wir wirklich nicht wissen…
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