selbstversuch - heute von lela

Neu erlebt – Der Stimmfilm in Aachen

Ich bin gespannt. Mit etwa 35 anderen Interessierten sitze ich im Kulturraum Raststätte im Herzen von Aachen und harre der Dinge, die da kommen mögen. Ich weiß nicht, was auf mich zukommen wird, denn ich bin zum ersten Mal hier. Wir sitzen auf ausrangierten Schulstühlen, der Raum wird notdürftig mit einem Gasbrenner beheizt. Das Publikum, darunter viele Stammgäste, aber auch einige Neulinge wie ich, scheint gut auf die Raumtemperatur vorbereitet zu sein: Alle sind winterlich gekleidet, dicke Pullover, Jacken und vor allem warme Schuhe beherrschen das Bild. Nun ist es soweit: Der Gasbrenner wird ausgeschaltet, der erste Erzähler steht vor dem Publikum und eröffnet den Abend mit den Worten: „Ich war gestern Abend im Apollo und habe mir den Fanfilm ‚Die ??? und der Superpapagei’ angesehen. War vielleicht noch jemand von euch da?“ Tatsächlich: „Ich war auch da, und ich glaube, ich hab Dich sogar gesehen!“ hört man aus einer der hinteren Reihen. „Super“, sagt Ludwig, der Erzähler, „dann kannst Du mir ja aushelfen!“ Und dann beginnt er, von Justus Jonas’, Bob Andrews’ und Peter Shaws’ Abenteuern auf der Suche nach dem verschwundenen Papagei Blackbeard zu berichten. Ich bin kein Drei ??? Fan. Bin ich nie gewesen, auch als Kind nicht. Aber nach dieser Erzählung könnte es sein, dass ich einer werde. Ludwig erzählt die Handlung des Films, beschreibt die Inszenierung und die Schauspieler und lässt uns alle vor Erleichterung aufatmen, als der Superpapagei durch Zufall wieder auftaucht und der Kunstraub, um den es eigentlich geht, zum Schluss auch aufgeklärt ist. „So, das war’s. Der Film ist zu Ende, ich bin fertig.“ Es gibt Applaus und Ludwig fordert das Publikum auf: „Hat einer was vorbereitet? Will jemand unbedingt was erzählen? Dann ab nach vorne, bitte!“
Und tatsächlich, sofort ist jemand aus dem Publikum bereit, einen Film zu erzählen. Und das ohne Schützenhilfe aus dem Publikum, denn ‚Eskiya, der Bandit’ ist niemandem bekannt. Was der Qualität der Erzählung aber nicht im Geringsten schadet. Der Erzähler nimmt uns mit in Eskiyas Welt der Sühne und Vergeltung, auf seinem Weg zur Geliebten, die während seiner langjährigen Haftstrafe kein Wort mit ihrem Ehemann, dem Verräter an ihrem geliebten Eskiya, gesprochen hat. Packend, mitreißend, lustig, eindrucksvoll und anrührend zugleich bekommen wir Eskiyas Schicksal präsentiert. Und bei der Schilderung Eskiyas’ melodramatischen Todes im Kugelhagel der Polizei höre ich hinter mir ein deutliches Schnüffeln und Schneuzen. „Das war der Film, mehr gibt’s nicht zu erzählen.“ Eine Sekunde Stille und dann Applaus. Nun gibt es eine Pause, in der das Publikum sich die Beine vertreten und die verkrampften Finger lockern kann, der Raum geheizt, die Premium-Cola für den Rest des Abends gekauft wird, und schon geht es weiter mit dem nächsten Erzähler. Zwei sind es diesmal, die Pedro Almodóvar’s ‚Volver’ zum Besten geben. Auch dieser Film wird durch die Sichtweise der Vortragenden zu etwas ganz Besonderem. Auch hier gibt es nach dem Film langen Applaus und damit ist mein erster Stimmfilmabend beendet.
„Toll“, sage ich zu meinem Begleiter, „das war richtig gut!“ „Du hast Glück gehabt,“ meint er, „heute waren wirklich sehr gute Erzähler da, es ist auch schon mal anders gewesen, aber Spaß macht es immer! Egal ob jemand eine Folge aus ‚Colt Seavers’ erzählt oder Lieder aus Werbespots vorsingt.“ Und das glaube ich ihm aufs Wort. Vor der Veranstaltung war ich gespannt, nun bin ich begeistert. Gibt es ein Fazit dieses Abends? Ja, das gibt es: Bitte Filme mit wachen Augen anschauen, die passive Konsumhaltung gegen aktive Wahrnehmung eintauschen und dann: Erzählt euch wieder was! Bitte, bitte mehr davon!!

23 January 2007 | | universum | Comments

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