Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 15. Januar 2007
Die Wissensposer-Seuche
In den letzten Monaten ist in Deutschland eine neue Seuche beobachtet worden. Sie breitet sich in aller Unschuldigkeit unter der so genannten Bildungselite und dem Bildungsbürgertum aus. Besonders augenfällig tritt sie zutage bei universitären Veranstaltungen und Gesprächen unter Intellektuellen, Pseudo-Intellektuellen und Möchtegern-Intellektuellen. Ich nenne sie die Wissensposer-Seuche.
Die klassische Ausbruchsituation dieser Seuche ist die Referats- oder Vortragssituation, welche dadurch gekennzeichnet ist, dass der Vortragende sich zuvor eingehend mit einem Thema auseinandergesetzt hat und nun den Zuhörern zusammenfassend und einleuchtend einen Überblick über das Thema gibt, welches im Optimalfall nicht ganz unbekannt für den Zuhörer ist.
Meistens ist es das aber doch. So hört man oft Dinge, von denen man nie zuvor etwas gehört hat. Das ist auch gut so, denn nur so lernt man etwas Neues. Wie aber drückt sich nun die Seuche aus? Folgendes Beispiel soll zur Verdeutlichung beitragen:
Es wird in einem Seminar über Günter Grass ein Referat gehalten, ein fachfremder Exkurs über die Existenzialismus-Philosophie von Camus. Das Seminar ist für Studenten der Germanistik im Hauptstudium gedacht, also werden nicht zwangsweise irgendwelche philosophischen Grundlagen vorausgesetzt.
Der Vortrag des Kommilitonen beginnt mit den Worten: „Dass Camus ein Existenzialist war, wissen wir ja alle. Und was Existenzialismus ist, sicher auch. Deswegen halte ich das hier ziemlich kurz.“
Die Seuche arbeitet hier auf zwei Ebenen. Die eine sagt: „Guck mal, was ich alles weiß!“, während die zweite Ebene die erste Ebene einschließt und hinzusetzt „ Guck mal, was du alles nicht weißt, ich aber.“
Nun, was passiert beim Zuhörer? Ich behaupte, dass die Mehrheit der Zuhörer nicht weiß, wovon er redet. Sie fühlen sich aber durch seine Überheblichkeit und das unausgesprochene „Wenn du das nicht weißt, was ich weiß, dann bist du dumm, ungebildet, ein Verlierer oder alles zusammen“ derart vor den Kopf gestoßen, dass beinahe automatisch ein Abschalten und Nicht-weiter-zuhören eintritt.
Ein ähnliches Beispiel ereignete sich bei einem Referat über die Kulturoffensive der USA in eben diesem Grass-Seminar. Auch hier wäre Vorwissen der Kunstgeschichte oder der Geschichte oder der Politikwissenschaft von Vorteil gewesen, als der Referent den Vortrag beginnt mit den Worten: „Welche Rolle die CIA beim MoMA hatte, ist unbestritten und bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.“
Doch, dass bedarf sie. Unbedingt. Ist es denn zuviel verlangt, statt mit seinem Wissen zu prahlen und andere herabzuwürdigen, einfach wie verlangt einen Überblick über das Thema zu geben? Ich denke nein.




3 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 15. Januar 2007”
1 neous 16 January 2007 @ 3:29 pm
Ich habe heute etwas Ähnliches erlebt. Allerdings war ich diejenige, die das Referat gehalten hat, der Wissensposer saß im Seminar und hat mir das ganze Referat zerstört. Es ging so weit, dass ich plötzlich gefragt habe, ob er nicht mein Referat weiterhalten möchte. Es kam kein Kommentar von der Professorin, ich war diesmal völlig bloßgestellt und stand da wie ein Dummkopf.
2 Jules 18 January 2007 @ 9:19 am
Danke für das Wort, ich trage es hinaus und werde es an der Düsseldorfer Uni zum Standard erheben für Leute, die mit ihrem Wissensposen ganze Kurse sprengen - sogar ohne Referat.
3 H 23 January 2007 @ 11:05 am
Andererseits muss man sie ja fast bewundern, die schier unendlich großen Cohones von Leuten, die ihr Referat über das Thema X damit beginnen, dass sie ankuendigen, nicht gross ueber das Thema X reden zu wollen. (Kann man das eigentlich auch bei Hausarbeiten wagen? “Statt ueber Thukydides’ Wahrnehmung der Stasis in Korkyra zu sprechen, wie ich es im Titel dieser Hausarbeit ankuendige, werde ich mich hier eher mit der gestrigen Episode der Simpsons und gelegentlich eingestreuten Anekdoten aus meinem letzten Urlaub beschaeftigen.” Waere mal einen Versuch wert.)
Ueblicherweise waere es freilich Auftrag des Dozenten hier sofort dezent nachzuhaken oder den Kommentar “Thema bravourös verfehlt!” bis zum Ende aufzuheben und auch die entsprechenden Benotungskonsequenzen daraus zu ziehen. Macht nur leider kaum einer.
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