Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 18.Dezember 2006
Von Flugzeugen im Bauch, Hinhaltetaktik und Gesichtsverlust
Er ist seit Tagen hin und weg. Hingerissen von ihr, von ihrer charmanten Art, ihrer Art und so vielen Kleinigkeiten, die sie in seinen Augen begehrenswert erscheinen lassen. Sie trafen sich auf einen Kaffee, unterhielten sich, zwei Stunden lang. Er war aufgeregt, sie machte ihn etwas unsicher. So verschachtelte er seine Sätze, verlor sich in ihrer Syntax und machte, wie er im Nachhinein sich selbst gegenüber zugeben musste, etwas schwache Witze.
Trotz allem fuhr er nach Hause mit dem Gedanken: „Diese Frau muss ich wieder sehen.“ Er diskutierte mit seinen Freunden darüber, welcher Schritt nun der nächste wäre und wann er erfolgen sollte. Dass eine Einladung zum Kino noch zu früh wäre, eine weitere Kaffeeeinladung aber keine Steigerung darstellen würde. Dass man sie besser nicht sofort am nächsten Tag anrufen sollte.
Trotz seiner Nervosität in der Magengegend, sobald ihr Name fiel, und sei es nur in ihrem Kopf, so sehr sehnte er sich danach, sie zu sehen, ließ er mehrere Tage verstreichen, ehe er zum Telefonhörer griff um sie anzurufen und sie zu einem kleinen Konzert am Freitagabend einzuladen.
Es tue ihr leid, sagte sie, aber sie habe freitags um Acht noch Schlagzeugunterricht. Sie könne also nicht mitkommen. Aber es wäre nett, dass er an sie gedacht habe. Dann endete das Gespräch. Er war enttäuscht und frustriert. Er konnte mit ihrer Antwort nichts anfangen. War das vielleicht nur ein vorgeschobener Grund, um nicht noch einmal mit ihm ausgehen zu müssen?
Es verstrichen ein paar Tage. Er rief noch einmal bei ihr an. Sie ging nicht an ihr Handy. Am nächsten Tag bekam er eine SMS, sie hätte ihr Handy am Vorabend zu Hause liegen gehabt und wäre Schlittschuhlaufen gewesen, sie melde sich am Abend.
Abends dann, sein Telefon klingelte. Er sah ihre Nummer, sein Herz schlugt direkt einige Takte schneller. Aufgeregt nahm er das Gespräch an. Sie erzählte, dass sie Schlittschuhlaufen war am Vorabend. Dann brach in ihrer Umgebung Lärm aus, viele Stimmen redeten durcheinander. „Du“, sagte sie, „ich muss Schluss machen, meine Freunde sind gekommen.“ Schnell war das Gespräch beendet.
Er verharrte reglos, den Hörer in der Hand. Was war das denn, fragte er sich. Hatte sie jetzt extra so spät angerufen, damit sie einen guten Grund hat, das Gespräch kurz zu halten?
Tagelang flugen seine Gedanken nur so hin und her. Er war immer noch fasziniert von ihr, will sie noch einmal treffen. Doch gleichzeitig wurde ihm klar, dass sie das vielleicht nicht will. Er vermutete, dass sie ihn langsam hinhalten will, den Kontakt lieber langsam einschläfern will, als deutlich zu sagen: „Nein, ich will mich nicht mit dir auf einen Kaffee treffen.“
Aber wäre das ihm gegenüber nicht viel fairer und höflicher? Langsam, mit jedem Anruf mehr, verliert er sein Gesicht, macht sich, nicht nur in ihren Augen, sondern auch vor sich selbst, Stück für Stück lächerlich.
Wenn sie tatsächlich kein weitergehendes Interesse an ihm hat, warum sagt sie dies nicht einfach? Warum kann man nicht sagen: „Hey, es tut mir leid, aber ich glaube, wir sind nicht auf der gleichen Wellenlänge.“ Oder: „Du bist einfach nicht mein Typ.“
Sicher, solche Wahrheiten auszusprechen sind nicht einfach. Aber fair!
Würde sie ihm sagen, dass für sie kein weiteres Treffen in Frage kommt, aus egal welchem Grund, dann hätte er eine klare Aussage und könnte seine Gefühle wieder in normale Bahnen lenken. Aber so?
Also: Lieber höflich und fair sagen, dass kein weitergehendes Interesse besteht, als den anderen lächerlich zu machen durch eine Hinhaltetaktik. Das gilt übrigens nicht nur für Frauen!




2 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 18.Dezember 2006”
1 Chris 18 December 2006 @ 5:56 pm
… bin sprachlos, geehrt, und ein bißchen schwindelig ist mir auch. Viel Wahres dran. Danke.
2 antidepp 18 December 2006 @ 8:59 pm
Da fällt mir nur eins ein: Typisch Frau!
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