Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 11. Dezember 2006
Von fiesen Kopfzusammensteckern und Filmerklärern
Der Artist in der weißen Hose spannt das Gummi und springt vom Trapez. Er überschlägt sich in der Luft und landet wieder auf der Stange. Springt erneut, dreht sich um die eigene Achse. Landet erneut an der Stange, diesmal hält er sich mit den Händen an ihr fest und schaukelt in luftiger Höhe. Die Vorstellung gewinnt an Dramatik, ein zweiter Artist kommt hinzu, hängt sich an seine Beine, schwingt mit durch die Luft. Die Zuschauer halten den Atem an. Die Nummer läuft auf ihren Höhepunkt hinaus, ich bin gespannt was passiert. Er springt erneut, an seinen Füßen hängt noch der zweite Artist. Diesmal ist es soweit. Das ist die große Nummer, darauf haben alle gewartet. Im Flug – ist die Nummer für mich zu Ende. Denn die beiden Frauen in der Reihe stecken die Köpfe zusammen und beginnen zu tuscheln. Ich hab es verpasst. Der Sprung ist gelungen, das Publikum steht auf um seine Anerkennung zu demonstrieren. Jubelrufe und Klatschgeräusche erfüllen die Halle.
Nur ich steh da, und hab von allem nichts gesehen. Irgendwie fühlt man sich betrogen.
Das letzte Mal, dass ich dieses Gefühl in aller Deutlichkeit verspürt hatte, war, als ich in einem Biergarten das WM-Spiel Ecuador : Deutschland versuchte zu schauen. Denn in der Tat sah ich keines der drei Tore. Alles jubelte, sprang auf, freute sich, und es gelang mir nicht einmal in der Wiederholung die Tore zu sehen.
Gut, WM ist Ausnahmezustand, das akzeptiere ich. Und: Wer in einem Biergarten Fußball gucken geht, der muss damit rechnen, dass die Menschen nicht wie im Gottesdienst andächtig auf ihren Bänken sitzen bleiben.
Aber es soll hier auch nur um das Gefühl gehen, dass sich in diesem Moment in aller Deutlichkeit zeigte. Dieses: Alle haben es gesehen, nur ich habe es verpasst, und es war nicht einmal meine Schuld.
Zurück zu den Damen in der Varieté-Vorstellung. Statt Hochseil-Trapez-Artistik zu sehen, erfuhr ich also, wie witzig Werner in so einer weißen Paillettenhose aussehen würde. Zugegeben, der Gedanke war in der Tat witzig, das folgende Gekicher erklärte sich mit Blick auf den nicht gerade vollschlanken Werner einen Platz weiter.
Worum es aber hier gehen soll, ist der Hinweis, dass man sich einmal bewusst werden sollte, dass auch die Leute hinter einem für ihre Plätze bezahlt haben um etwas von einer Vorstellung zu sehen. Es ist völlig egal, ob Philharmonie, Theater oder Popkonzert: Immer sind die Hinteren den Vorderen ausgeliefert. Falls also diesen die Vorstellung nicht gefällt aus diesem oder jenen Grund und sie statt dessen anfangen sich zu unterhalten, sollen sie das gerne machen, aber draußen. Das Reden stört und das Köpfezusammenstecken verhindert eine Sicht auf das Geschehen, was andere Zuschauer vielleicht doch interessiert, was wir hier mal stark annehmen wollen. Sonst würden sie wahrscheinlich nicht dafür bezahlen, die Vorstellung sehen zu können.
In die gleiche Kategorie fallen für mich die Menschen, die meinen, sie müssten im Kino ihrer Begleitung den Film erklären. Das ganze geschieht dann in einer Lautstärke, die das ganze Kino beschallt und vom eigentlichen Film ablenkt.
Ich frage mich immer dabei, welchen Sinn das haben soll. Ich akzeptiere kurzzeitige Störungen noch, bei denen man den Film kaum noch versteht und eventuell eine Handlung verpasst, aber immer mit zusammengebissenen Zähnen. Was ich aber nicht mehr tolerieren kann, sind Besserwisser, die den Film drei Tage vorher schon gesehen haben und mittendrin dann tönen: „Am Ende stirbt er doch, aber das wirste dann schon selbst noch sehen.“
Danke. Vielleicht hätte ich das Ende auch gerne noch unvoreingenommen gesehen. Bezahlt hab ich zumindest dafür.




One Response to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 11. Dezember 2006”
1 Andreas 11 December 2006 @ 6:49 pm
und wieder eine gelungene ausgabe deiner kolumne.
man kennt das. deine arbeitskollegen die den film schon gesehen haben und total begeistert von diesem sind… das sie dir alles erzählen wollen.
…
… aber lässt mich auch nachdenken - wie oft war ich der spielverderber ?
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