Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 27.November 2006
Von Krücken, einem Hund und einer fiesen Oma
Eigentlich plante ich, in dieser Kolumne darüber zu schreiben, dass es nicht nur höflich, sondern zumindest aus meiner Sicht auch selbstverständlich ist, in Bus, Bahn oder Zug meinen Sitzplatz jemandem anzubieten, der ihn nötiger hat als ich. Das scheint aber nicht normal zu sein. So erzählte mir eine gute Freundin, die momentan auf Krücken angewiesen ist, dass sie letztens bei einer abrupten Bremsung durch den ganzen Bus geflogen ist. Kein Wunder, stand sie ja nur auf einem Bein.
Wieso musste sie überhaupt stehen? Es ist eine Schande, aber ja, der Bus war voll besetzt; man sollte annehmen, dass alle gesehen haben, dass sie dort sehr wackelig stand. Aber niemand bot ihr einen Platz an. Stattdessen haben die Leute, die sie bei ihrem Fall berührt hat, auch noch beschwert.
Sowas passiert leider viel zu häufig. Beinahe täglich sieht man „sitzplatzbedürftige“ Menschen, die stehen, weil die verfügbaren Plätze zumeist von jungen Menschen belagert werden. Oder noch schlimmer: Von Füßen, Hunden oder Gepäckstücken. Sogar die extra dafür gekennzeichneten Sitzplätze werden davon nicht verschont.
Eigentlich wollte ich dafür plädieren, dass wir jungen Menschen mehr Rücksicht nehmen und das wir uns einmal vorstellen sollten, wie wir uns fühlen würden, mit siebzig und Krückstock und kaum noch Energie zum Stehen, während auf den Sitzen junge Menschen sitzen.
Nun habe ich aber letzte Tage in der Straßenbahn etwas erlebt, dass mir zeigte, dass diese Rücksichtslosigkeit und fehlende Hilfsbereitschaft nicht nur die junge Generation betrifft. Es war Feierabendverkehr an einem verregneten Wochentag. Die Bahn war überfüllt, ich stand an der Seite, als sich an einer Station die Türen öffneten und eine Oma mit Hund hereinkam. Sie war circa siebzig Jahre alt und zog ein Bein nach. Ein Herr mittleren Alters bot ihr unversehens seinen Platz an. „Hey“, dachte ich mir, „es geht also doch.“ Ich erwartete ein freundliches „Danke“, gefolgt von anschließendem Hinsetzen. Aber weit gefehlt. Stattdessen herrschte sie ihn in barschem Ton an: „Nä, meinen se, ich will dass der Hund sich hier im Regenwasser suhlt? Dann muss ich den ja den ganzen Abend baden! Nä! Können se wohl sitzen bleiben!“
Mir stand beinahe der Mund offen vor Erstaunen. Nach dieser Erfahrung, so dachte ich mir, war das wohl das letzte Mal, dass dieser Mann jemandem seinen Platz angeboten hatte.
Aber das Spektakel ging noch weiter. Sie stellte sich dann direkt neben mich, ihr Hund direkt vor einem dieser einzelnen, ausgeschilderten Plätze extra für Sitzplatzbedürftige. Bei der nächsten Station stieg eine noch ältere Frau zu. Sie schob einen dieser Stützrollwägen vor sich her, an dem sie sich festhielt. Eine Frau half ihr, sich auf diesem Platz niederzulassen. Als sie saß, versuchte sie ihren Rollwagen zu drehen und so vor sich zu stellen, dass sie später wieder alleine aufstehen könnte. Für dieses Zurechtschiebens des Wagens stand jetzt aber der Hund im Weg. Schon wieder polterte die Oma los: „Nä! Jetzt auch noch mit dem Wagen hierein. Muss doch wohl nicht sein, wieso fährt die überhaupt Bahn und nicht Taxi? Soll ich jetzt hier mit dem Hund noch Platz machen, oder was? Hab doch grad selber erst nen Platz gefunden!“ Dann lauter: „Ich glaub ich spinne!“
Die Frau mit dem Stützwagen guckte betroffen. Alle anderen auch. Kurze Zeit später verließ die Oma, immer noch vor sich hin murmelnd, die Bahn.
Irgendwie hatte ich das Problem zuvor nur aus der Perspektive gesehen, dass die junge Generation in solchen Fällen kaum Hilfsbereitschaft zeigt. Dass ältere, hilfsbedürftige Menschen aber manchmal nicht nur diese Rücksicht vermissen, ja dass sie sogar von Angehörigen ihrer eigenen Generation nicht angetragen wird, verblüffte mich. Aber dass sie für ihre Hilfsbedürftigkeit im Gegenteil noch beschimpft werden, dass hat mich schockiert.




2 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 27.November 2006”
1 neous 27 November 2006 @ 12:24 pm
Hach…ich finde Erwähnung in dieser Kolumne. Welch Ehre.
Ich kann aber nur zustimmen. Es ist mir ja selbst so passiert…
2 Wasserhexe 28 November 2006 @ 12:59 pm
Sehr schön ist es auch, wenn man mit dem Fahrrad extra so auf dem Bahnsteig steht, dass man direkt in den “Fahrradwagen” der Deutschen Bahn einsteigen kann. Hat man dann auch die richtige Position getroffen und die Tür des selbigen öffnet sich genau vor der Nase, heißt das noch lange nicht, dass der Drahtesel auch einen Platz in diesem Abteil findet. Denn: Der Fahrradwagen hält an den meisten Bahnhöfen genau dort, wo sich die Treppe befindet. Und von den meisten Fahrgästen kann man ja nicht zu verlangen, dass sie zwei Meter zur Treppe laufen (Beeinträchtige Menschen natürlich ausgenommen). So steht man mit seinem Rädchen mitten im Gang oder vor der Tür und wird wenn nicht nur böse angeguckt auch noch beschimpft oder sogar umgerannt, wenn man es wagt nicht schnell genug aus der Bahn heraus zu kommen! Eigentlich hilft da nur eins: mit dem Auto fahren!!! Aber wer das nicht kann muss sich wohl mit den Unhöflichkeiten und der Bequemlichkeit der anderen Menschen abfinden. Auch wenns derbe gesagt wirklich ” SCHEIßE” ist!!
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