Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 30.Oktober 2006

Die Knalltüten

 In Zeiten von Kindermonstern bei Supernannys bin ich froh, wenn ich ein Kind sehe, was nicht verzogen, aggressiv oder brutal ist. Durch deren Präsenz in den deutschen Medien scheint man geneigt zu sein, zu glauben, dass dies mittlerweile der deutsche Kinderstandard ist, wenn man zusätzlich, so wie ich, keines eigenes aktuellen Kindergartenüberblick hat. Man kann ja heute eher davon ausgehen, von einem Kind aufs Übelste beschimpft zu werden, als höflich und freundlich behandelt zu werden. Doch es geht in der Tat auch noch anders. So kann ich heute eine Situation darlegen, die mich hat lachen lassen, weil sie eindrucksvoll das Gegenteil bewies.

 Beim Besuch eines Biergartens ereignete sich folgende Szene. Ein kleiner Junge – schätzungsweise vier Jahre alt – zieht mit seinem Tretroller auf einem der Zwischenwege Kreise.

Eine junge Frau sitzt am Ende einer der Biertische und kann sich nicht auf ihre Gesprächspartnerin konzentrieren. Ist sie doch damit beschäftigt, ihre Füße unter den Tisch zu schieben, ihren Ellenbogen aus dem Luftraum zu bewegen, kurz: Sie möchte nicht von dem Jungen angefahren werden.

Ihre Gesprächspartnerin lacht immer wieder, die Bemühungen ihrer Bekannten scheinen aberwitzig, die Arme fliegen geradezu durch die Luft, die Handtasche schwingt wie ein Lasso. Der Junge zieht weiter in einem aberwitzigen Tempo seine Kreise. Die beiden Frauen warten geradezu darauf, dass er vom Fahrrad fällt und sich die Knie aufschlägt. Aber außer hochspritzenden Kieselsteinen passiert nichts.

 Irgendwann hält die junge Frau den Jungen an, packt ihn an der Schulter. Spaßhaft sagt sie: „Wenn du noch einmal  hier vorbei kommst, musst du aber Mautgebühren bezahlen!“

Die Frauen kichern. Der Junge kommt sich etwas blöd vor, windet sich etwas. Dann hebt er seinen Zeigefinger und sagt: „Nicht so spaßig, ihr Knalltüten!“
Nun lachten nicht mehr nur die Frauen, sondern auch alle anderen anwesenden Biergartenbesucher um sie herum.

Dem Jungen war gelungen, sich aus der für ihn etwas unangenehmen Situation zu retten. Er fand eine Entgegnung auf die Äußerung der Frau, welche ihr deutlich machte, wie doof ihr Kommentar gewesen war. Und das ziemlich höflich. Nun gut, jetzt denkt sich so mancher, „Knalltüten“ wäre mit Sicherheit nicht höflich. Alleine gesehen ist es das vielleicht auch nicht. Das der Junge auf einen ‚Angriff’ mit einer Defensivreaktion anspricht ist völlig verständlich. Seine Wortwahl allerdings…wer fühlt sich schon wirklich von einem ‚ihr Knalltüten’ angegriffen?

Also an dieser Stelle ein Plädoyer für mehr ‚Knalltüten’ statt ‚Arschlöchern’.
Dann würden vielleicht viele Dispute in Lachen enden. Wie bei dem Jungen im Biergarten.

 

30 October 2006 | | don't impose - die höflichkeitskolumne | Comments

One Response to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 30.Oktober 2006”

  1. 1 antidepp 31 October 2006 @ 11:33 am

    Sehr schön und originell :-)

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