23.Oktober 2006 - heute: Vom versalzenen Danke

Mal angenommen, es ist Sonntag. Die Familie trifft sich zu einem großen Essen. Man weiß, dass die Mutter sich seit Tagen Gedanken über eben dieses Essen macht und schon seit dem Morgen in der Küche stand.
Dementsprechend groß sind dann die Erwartungen, wenn das Essen auf den Tisch kommt. Wie aber reagiert man, wenn das Essen ein bisschen versalzen ist, man es aber noch essen kann?

Unter normalen Bedingungen wird man das Essen trotzdem essen. (Der Faktor „Der Hunger treibts ja rein“ soll hier ausgeklammert werden.) Was wird also passieren?

In einer höflichen Familie wird also gegessen, wenn auch vielleicht nicht so viel wie sonst. Über den Salzgehalt wird man schweigen, schließlich geht man davon aus, dass Mutter es selbst merken wird. Wenn es also ein „offenes Geheimnis“ ist, warum schweigt man dann darüber?

Ganz einfach. Wie würde die Situation aussehen, würde man der Mutter sagen: „Danke. Hat gut geschmeckt“? Da wir ja davon ausgehen, dass die Mutter selbst gemerkt hat, dass das Essen versalzen war, würde sie dies in eine äußerst unangenehme Situation bringen. Ihr würde direkt ins Gesicht gelogen werden und so wäre ihr ‚Fehlverhalten’ oder ‚Unvermögen’ für Jedermann sichtbar zur Sprache gebracht worden. Vielleicht würde sie rot werden, weil sie sich schämt. Wahrscheinlich  würde sie aber etwas hilflos versuchen, die Situation zu retten oder wenigstens zu überspielen. Auf jeden Fall aber würde sie ihr Gesicht verlieren.

Und das möchte  niemand. Noch viel mehr wäre dies gegeben, würde ein Familienmitglied sagen, dass es ihm nicht schmeckt, weil die Mutter nicht in der Lage war, das Salz richtig zu dosieren.
Und deshalb schweigt man. Bereinigt eine Situation bevor sie zur Peinlichkeit, zum Gesichtsverlust wird.

Vielleicht sagt man ein „Danke“, wenn man seinen Teller zur Seite stellt.
Das gehört dann aber in eine andere Kategorie. Dieses „Danke“ sagt „Danke, dass du dir soviel Mühe gegeben hast mit dem Essen“. Und „ich respektiere deinen Aufwand.“ Das „Danke“ wiederum ist höflich, schließlich sollte man nicht vergessen, dass auch in ein nicht so gutes Essen Arbeit und Mühe investiert wurde.

23 October 2006 | | don't impose - die höflichkeitskolumne | Comments

One Response to “23.Oktober 2006 - heute: Vom versalzenen Danke”

  1. 1 dunski 24 October 2006 @ 9:44 am

    gibt auch Mamas die soviel Humor haben, dass frau gut sagen kann: wie findest du es? findest du auch es hat mehr Salz dran als auch schon? oder für mich hat’s zuviel Salz dran. Und eine Mutter, die schon 30 Jahre lang kocht, der ist sowas wohl sicher nicht schrecklich peinlich, die kann eher sagen: kann ja mal passieren. Wenn sie aber weiss, dass es allen am Tisch furchtbar wichtig ist, dass alles perfekt ist, oftmals ist es dem Herrn Gemahl am wichtigsten, dann kann sie es eher wegstecken, wenn es ein Kind sagt, bevor es Papa sagt…allerdings sind es oft Herren im höheren Alter, die Essen nur noch schmecken, wenn es versalzen ist…kann also auch ein Liebesbeweis für ihn gewesen sein..oder er hat heimlich nachgesalzen.
    Ich finde auch, dass gerade in der Familie Höflichkeit oft zu kurz kommt, aber Heucheln kommt leider selten zu kurz. ;)

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