Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 9.Oktober 2006
Höflichkeit ist eine Tugend. So heißt es im Volksmund. Die Folge dieser Tugend ist eine höfliche Verhaltensweise, welche den Respekt vor einem anderen ausdrücken sollte. „Einen anderen“ heißt hier nicht nur unbedingt den Gesprächspartner, sondern jeden in die Situation involvierten anderen Menschen.
Trotz allem fallen mir häufig Situationen auf, in denen ich zwar nicht richtig involviert bin, also zum Beispiel mit der nicht-höflichen Person ein Gespräch führe, sondern ich eine Situation quasi vom Rand heraus beobachte.
Früher zum Beispiel, als ich Kind war, hatten wir als Familie ein Telefon. Das stand im Wohnzimmer und konnte auch nur dort benutzt werden. Wenn dann Mutti von ihrer Freundin angerufen wurde, verließ man das Wohnzimmer, um ihr ein bißchen Privatsphäre zu verschaffen. Andersherum wurde es genauso gehandhabt.
Höflich ist es, einen anderen nicht in peinliche Situationen zu bringen. Deshalb ging Mutter dann lieber raus, um die pubertierenden Mädchen allein am Telefon über den ach so süßen Jungen der Parallelklasse schwärmen zu lassen. Auch sie wollte vielleicht lieber ungestört ihrer Freundin von ihren Gefühlen erzählen und diese nicht vor den Kindern breittreten.
Heutzutage sieht das irgendwie anders aus. Jetzt wird überall telefoniert, in der Bahn, im Supermarkt, auf den Damentoiletten. Bloß hat sich scheinbar das Verhältnis umgedreht. Es werden ganze Menschenleben am Telefon ausgebreitet, Krankheiten diagnostiziert, Saufgeschichten prahlerisch ausgepackt, sexuelle Abenteuer gebeichtet.
Peinlich scheint das für die erzählenden Vieltelefonierer nicht zu sein, dass z. B. im Bahnabteil alle anderen Mitreisenden von seiner Durchfallorgie letzte Nacht erfahren. Oder das andere erfahren, dass der Bürohengst eine Affäre hat, seine Frau aber nicht. Zum Glück weiß er nicht, dass eine Bekannte seiner Frau ihm gegenüber sitzt.
Das Verhältnis scheint sich gedreht zu haben. Jetzt ist es denen peinlich, denen es nicht möglich ist, den Raum zu verlassen, weil sie in der Bahn sitzen, hinter dem Telefonierer in der Kassenschlange oder im Hörsaal.
So sind es nun wir, die Randfiguren, die in eine peinliche Situation gebracht werden. Das ist unhöflich. Wir wollen nichts wissen über eure Alltagsabenteuer. Telefoniert solche Dinge doch bitte zu Hause. Sie gehen niemanden etwas an. Außer denjenigen, dem ihr das erzählen wollt. Vielleicht.




2 Responses to “Don’t impose - die Höflichkeitskolumne am Montag - heute: 9.Oktober 2006”
1 Chris 16 October 2006 @ 5:15 pm
1. streiche “telefonieren”, setze “knutschen”, und der Text könnte 1:1 von mir sein.
2. öffentlich telefoniert wird deshalb, weil man doch so furchtbar wichtig ist - egal, was man sich zu erzählen hat. Hauptsache, die Leute bekommen es mit. Verständlich, dass du dich aufregst. Lösungen dafür gibt es zwei:
Augen schließen, tief durchatmen, bis drei zählen. Oder den Gegenüber schwungvoll mit einer Schaufel auf den Schädel schlagen. Blöd nur, dass man nicht immer eine Schaufel dabei hat…
2 Andreas 16 October 2006 @ 8:59 pm
hmm
ich weiss nicht ob übertrieben offensichtlich rumzicken höflich ist, das mit der schaufel ist es auf jeden fall nicht.
klar kriegen wir sowas ständig mit. die leute wollen es ja irgendwo. denn heute hören die menschen nicht selten erst richtig zu, wenn sie es unfreiwillig tun.
nicht das ihr mich falsch versteht. wenn meine liebste mich anruft und ich sitze in der bahn, dann dauert das telefonat ganz sicher nur die augenblicke, die es braucht um ihr zu sagen das ich sie zurückrufen werde.
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