deutschland. ein sommermärchen

Diesen Sommer hat Deutschland gelacht, sich gefreut, mit Massen von Menschen ekstatisch gefeiert und ist am Ende mit Tränen in den Augen alleine nach Hause gelaufen.

Wie die Fussball-WM für die Fans war, dass weiß jeder von uns für sich. Wir haben Bilder gesehen von Fan-Festen, wir waren selber in Deutschlandfarben gekleidet beim Public Viewing, haben Fahnen vom Balkon gehängt. Wie die WM für die Nationalmannschaft war, das zeigt uns Sönke Wortmanns Film “Deutschland. Ein Sommermärchen”.

Obwohl wir natürlich wissen, wie es ausgehen wird und davon abgesehen, dass der Film bereits mit einer niederschmetternden Kabinenszene nach dem Ausscheiden gegen Italien beginnt, entwickelt der Film eine ganz eigene Dynamik. Die Zuschauer werden gefangen genommen und beginnen wieder zu hoffen. Völlig irrationale Hoffnung, als könnte das Spiel im Nachhinein doch noch gewonnen werden.

Wenn doch die Handlung des Films von vorneherein feststeht, was macht den Film dann so sehenswert?  Der Zuschauer wird fast in ihn hineingezogen, man freut sich, man lacht. Laut gelacht wird im Zuschauerraum recht häufig. Es gibt auch genügend Grund dazu. Mit einem zwinkernden Auge zeigt uns Sönke Wortmann, wer die Menschen hinter den Trikotnummern sind. Und dass auch sie Fehler haben und Fehler machen.

Was lernen wir sonst noch? Olli Kahn sieht scheiße aus mit Deutschlandkappe. Poldi kann tatsächlich kein Englisch und quält sich mit italienischen Interviewpartnern. Schläft gerne in weißen engen Unterhosen. Oliver Neuville kann nicht seine Urinprobe abliefern, wenn jemand daneben steht und guckt. Ein Portugiese fliegt seine Schwalbe direkt vorm Schiedsrichter vorbei und mit Blick in die Kamera, mit schmerzverzerrtem Gesicht, was unglaublich komisch wirkt. Ballack schmollt wie ein Kind mit vorgeschobener Unterlippe. Klinsi kann besser Fussball als Tischtennis. Philipp Lahm ist tatsächlich unglaublich klein.Auch zeigt es, wie das Motto “Zu Gast bei Freunden” von Klinsi aufgefasst wurde. “Wir lassen uns das nicht wegnehmen, schon gar nicht von den Polen”, heisst es vor dem Polen-Spiel.

All das ist im Prinzip nicht wichtig. Es bringt uns die Spieler näher. Aber was es uns gibt sind Emotionen. Wieder jubeln wir, klatschen wenn Lehmann einen Ball hält. Und als dann der Moment welcher da ist, sieht man wieder Tränen in den Augen. Die Bilder werden langsamer, eindringlicher. Man hört Schniefen und Taschentücher.

Später wird der Kinosaal hell. Ein bißchen ist es wie damals. Viele schleichen irgendwie bedrückt Richtung Ausgang um alleine und ein bißchen traurig nach Hause zu gehen.

10 October 2006 | | universum, gedankenpuzzle | Comments

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