31.Juli 2006 - heute: Der Bettler, der Wagen, das Wasser und die Hilfsbereitschaft
Höflichkeit ist eine Tugend. Das geflügelte Wort kennt man. Doch was ist eine Tugend? Und ich rede jetzt nicht von Tugenden, wie sie z.B. bei Lessing noch aktuell waren, wie zum Beispiel die Jungfräulichkeit und die Frömmigkeit. Nein, so nicht. Aber was ist eine Tugend im Heute? Tugend kommt etymologisch von lat. virtus und bedeutet im Wortsinn, eine Fähigkeit und innere Haltung, das Gute mit Freude zu tun. So gesehen kann man heute vielleicht Aufmerksamkeit, Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft tugendhaft nennen.
Da mach ich mir theoretische Gedanken über ein Phänomen und finde die Antwort auf diese Frage praktischerweise direkt vor mir.
Ich stehe an der Bahnhaltestelle und nutze die Zeit, bis zur Ankunft meiner Bahn, die mir verbleibt, um meinen Blick schweifen zu lassen, und die Menschen um mich herum zu beobachten. So verfolge ich diese Szene:
Auf der anderen Straßenseite hält ein Getränkelieferantenlastwagen. Zwei Männer steigen aus, und schieben einen Rollwagen heraus, vollbestückt mit Wasserkästen, Colaflaschen etc. für eine nahe liegendes Bistro. Die beiden Männer haben Schwierigkeiten, den Rollwagen über den Bordstein zu wuchten, nicht zuletzt auf Grund der sehr wackeligen Wasserkästenkonstruktion auf dem Wagen. Ich beobachte sie eine Zeit lang, wie sie sich abmühen. Der Gedanke, hinzugehen und zu helfen, kommt mir allerdings nicht.
Ungefähr 15 Meter weiter sitzt ein Bettler auf dem Boden vor einem Geschäft. Vor ihm, der mittlerweile schon obligatorische Geldsammelbehälter samt handbeschriebenen Pappplädoyer für sich selber und Rechtfertigungsabsicht für das Betteln an sich. Dieser Bettler nun verlässt seinen Platz, seinen Geldsammelbehälter, ohne sich erst das Geld einzustecken, und eilt den beiden Männern zur Hilfe. Er hält die Wasserkästen in ihrer Konstruktion und mit vereinten Kräften wuchten sie den Rollwagen über den Bordstein. Bis zu diesem Moment ist zwischen den drei Männern kein einziges Wort gefallen. So warte ich gespannt, wie die Männer auf die unaufgeforderte Hilfe reagieren werden. Eine von beiden zieht zwei Flaschen Wasser aus dem Kasten, drückt sie dem Bettler in die Hand und sagt laut und deutlich „Danke!“. Der Bettler nimmt seine zwei Flaschen Wasser, sagt: „War doch selbstverständlich“ und geht wieder zu seinem Geldsammelbehälter.
Aber: War das selbstverständlich? Ich denke nicht. Hätte nicht sonst schon vorher jemand geholfen? Oder: Wieso ist mir der Gedanke zu helfen gar nicht erst gekommen? Gut, man könnte sagen, weil es auf der anderen Straßenseite passiert ist, war die Unmittelbarkeit der Grund dafür. Ich war nicht zwangsweise in die Situation involviert, wie ich es zum Beispiel bei direktem Vorbeigehen gewesen wäre. Aber: Das war der Bettler auch nicht.
Er war einfach nur hilfsbereit. Und höflich. Die Männer ebenso. Die zwei Flaschen Wasser haben dem Bettler bei den Temperaturen sicher gut getan.
Es tat gut das zu sehen. Bitte mehr davon.




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